Aufs Islandpferd gekommen…
Als Kind war ich Reitschüler in einer „normalen“
Reitschule, wo alles irgendwie geordnet, adrett und englisch zuging.
Meine reitbaren Untersätze lebten in Boxen, gingen einige
Stunden auf Weide und hießen Minor, Pünktchen, Titus
oder Suse.
Irgendwann aber erinnerte ich mich an meine Urlaubs-Reiterfahrungen
diesen „anderen“ Pferden, mit den Isländern,
und daran, dass man mit denen ganz nett durchs Gelände bummeln
konnte. Passenderweise fand sich Isi-Hof in der Nähe, der
vom Grünkohlritt bis zum Sattel so ziemlich alles rund um
die nordischen Gangtalente anbot. Als Großpferde erfahrender
Umsteiger begann mein Einstieg in die Isländerwelt an einem
Sonntagmorgen 9 Uhr mit einem regelrechten Reitkulturschock: In
der Reitschule hätte man um 2 vor 10 die Ausbinder verschnallt,
um dann um 1 vor 10 Uhr reitfertig in der Halle aufzumarschieren.
Im Isländer-Stall aber war auch um 9.45 Uhr noch niemand
zu sehen, geschweige denn ein Pferd fertig. Isländerleute
sind sehr… locker mit ihren Zeitangaben, das war eine meiner
ersten Lektionen. Sollte ein Ausritt um 10 Uhr beginnen, brauchte
man eigentlich nicht vor halb elf zur Pferdeverteilung einzutreffen,
die bei einem Becher Kaffee stattfand.
Edle Lederstiefel, luftige Westen und Reithosen in farbenfrohen
Tönen wurden auf dem Isi-Hof nicht getragen. Als Neu-Islandpferdereiter
schaffte ich mir also schnell einen schlammfarbenen Wachsmäntel
an (besonders bewährt für Wattritte), wählte Gummi-
statt Lederstiefel und gedeckte, schmutzunempfindliche Töne
bei den Reithosen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Von den heute
allgegenwärtigen Jodphurhosen mit Zipp oder gar Schlag war
man in meiner Umstiegszeit übrigens noch weit entfernt…
Das waren schließlich die robusten 80er!
Die Großpferde in meiner Ex-Reitschule kamen gerne mit
mir aus ihrer Box, während die Isländer mir auf ihrem
Paddock oft nur ihr zottiges Hinterteil zeigten, wenn ich in die
Herde trat, um das zugeteilte Tier zum Reiten zu holen. Schmusebürsten
und Lammfellputzhandschuh suchte ich im Putzkasten vergeblich.
Stattdessen kamen beim Krustenkratzen derbe Wurzelbürsten
und Fellkratzter zum Zuge, mit denen man die Haut von Warmblütern
wohl wundgerieben hätte.
Und „bummelig“ ging es ganz und gar nicht zu beim
Ausritt. Ich war feste Hufschlagfiguren, Kommandos wie „Teeerrrrab“
und einen Tête-Reiter gewohnt, der wusste, wann man abbiegen
musste. Bei den Isis hieß es „Tölt, Marsch“
ohne Ankündigung sobald man Sandboden erreicht hatte. Vorne
ritt derjenige mit dem schnellsten Pferd oder wer (angeblich)
den Weg kannte.
Auch die isländischen Namen waren Neuland für mich.
Irgendwann wurde mir ein Pferd namens „Rapp“ zugeteilt.
Ich stiefelte in die Sattelkammer, konnte aber nur die Ausrüstung
von „Jarpur“, „Skolli“ und „Perla“
finden. Das Namensschild „Hrafn“ war für mich
unaussprechlich und ich dachte, es müsse sich wohl um einen
Schreibfehler handeln…
Neulich fand ich im Keller eingestaubt meinen alten Wachsmantel.
Der Geruch war noch der alte und erinnerte mich an früher.
Ich habe das gern genutzte Stück bei Ebay verkauft. Vielleicht
infiziert er ja noch jemanden mit dem Isi-Virus. Ich habe absichtlich
einige Haare im Futter gelassen…
Immer rein damit
Kennen sie das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man einen
Futtermittelprospekt aufschlägt? Eine Mischung aus Fassungslosigkeit,
Scham und schlechtem Gewissen: Wie um alles in der Welt konnte
das Pferd bislang mit Gras, Heu und Wasser überleben?!
Ich hatte in meinem Kopf irrtümlich die Worte „Genügsamkeit“
und „Leichtfuttrigkeit“ im Zusammenhang mit Islandpferden
abgespeichert. Der bunte Katalog, der auf 250 Seiten Pulver, Pasten,
Kräuter, Tinkturen und Futtermischungen anbot, zeigte mir
aber genau das Gegenteil. Pferde und speziell Isländer konnten
gar nicht „einfach so“ gefüttert werden.
Erste Anfälle von Hypochondrie überfielen mich: Hatte
sich mein Fuchs nicht wiederholt am Ohr gejuckt? War sein Speichel
nicht abnorm dünnflüssig? Sollten Mango-Minz-Leckerlis
mit Knoblauch nicht unbedingt zum naturnahen Speiseplan meines
Pferdes gehören?
Ehe ich vollends in Panik verfiel, blättere ich in die Abteilung
„Isländer Spezialfutter“ und bekam den Durchblick.
Die freundliche Futterindustrie hatte für Leute wie mich
und die bestehenden und befürchteten Krankheiten meines Pferdes
bereits vorgesorgt. Ich griff zum Hörer und bestellte die
gesamte Produktpalette vom „Hesta Super“-Pelletfutter,
über den isländischen Seetang zur Mineralversorgung
bis hin zur Islandgras-Artic-Kur gegen Nasenschnodder und Augenringe.
Mein Fuchs blieb aber seltsamerweise so rot wie eh und je, wieherte
mir nicht entgegen und tröltete immer noch. Ich kaufte daher
für meinen hochspezialisierten Futterverwerter einen neuen
Sack Isländer-Spezial-Futter, diesmal in Müsli-Form,
der in etwa doppelt so teuer war wie das vorherige Futter, aber
nur die Hälfte wog. Hierin waren aber beste Zutaten und sämtliche
dringend gebrauchte Mineralien waren vulkanischen Ursprungs. Fürs
länger Kauen gab es außerdem eine Extraportion Islandheu
und für die Atmung 25 verschiedene Käruter. Zusammen
mit den anderen Ergänzungsfutter-Ergänzungsmitteln füllte
sich damit Füchschens Eimer schon recht üppig. Tagtäglich
mampfte er nun eine halbe Stunde lang sein Futter und ich beobachtete
gespannt die Veränderungen. Nach drei Wochen bemerkte ich
erste Rundungen an meinem Vierbeiner. Nach sechs Wochen verschwammen
die Konturen seiner Knochen und er wurde wirklich „barock“.
Ich erwog, die Heumenge zu reduzieren, denn eigentlich sollte
er ja nicht fett sondern nur gesünder werden. Und die Zusatzfutter
brauchte er schließlich zum gesunden Überleben, während
Heu alleine nur Spurenelemente-Defizite, Ungleichgewichte bei
der Vitaminresorption und Überschüsse beim Ca:P-Verhältnis
verursachte… Oder vielleicht doch nicht?! Waren Isländer
doch nur ganz gewöhnliche Fresser und Verdauer? Ich wälzte
wieder die Fütterungs-Büchern. Aber dort gab es seltsamerweise
kein Kapitel über physiologische Besonderheiten beim Islandpferde
oder Abhandlungen über unterschiedliche Verdauung- oder Verwertungsabläufe.
Nach langem Ringen mit mir und größeren Albträumen
kehrte ich zu einer regelrecht spartanischen Fütterung zurück.
Und was soll ich sagen, die von mir gefütterten Pferde leben
immer noch! Das kann natürlich Zufall sein, das gebe ich.
Man sollte sich nie zu sehr in Sicherheit wiegen und besser vorbeugen…
Dieser schorfig-sandige Belag im Fell könnte schließlich
ein Anzeichen für eine wundgelaufene Wanderniere im Endstadium
sein. Und dass mein Pferd gerne in der Sonne ein Mittagsschläfchen
macht, könnte man als Symptom des Burnout-Syndroms deuten.
Wenn ich jetzt in den bunten Katalogen blättere, zuckt noch
manchmal meine Hand und will zum Telefon greifen, um die Bestellhotline
anzurufen. Die Dose „Biotin 2009+“ brächte bestimmt
noch festere Hufe. Und vielleicht hat sich mein Pferd schon immer
nach Johannisbrot gesehnt und wäre mir so richtig dankbar
dafür…?
Trainerhopping
Ich habe eine Freundin namens Susi, die ein sehr stressiges und
zeitaufwändiges Hobby hat. Nein, ich meine nicht die Reiterei
oder ihr Islandpferd. Aber Susi betreibt aktives Trainer-Hopping,
das bedeutet, sie macht an 30 Wochenenden im Jahr Kurse bei jedem
Trainer, der eine heilversprechende Methode praktiziert, eine
bahnbrechende Idee des Reitens verkauft oder schlicht eine Aura
verbreitet, die sie dahin schmelzen lässt. Die Lehrgansleiter,
hauptsächlich Männer, haben fast alle exotisch klingende
Namen und sprechen nur gebrochen Deutsch. Das stört Susi
aber nicht, sie kutschiert ihren Wallach Lullari gerne 300 Kilometer
weit für „Rennpass-Reiten nach Methode von Odinsson&Heklasdottir“
und fünf Tage 400 Kilometer zu „Pferdeflüstern
für Fortgeschrittene mit Don Jaime Manolo Los Santos Torres“.
Das doofe am Trainer-Hopping sei aber, sagt Susi, dass nach 2,5
Tagen der Guru leider weiter zöge und man sich alleine deswegen
schon umorientieren müsse. Man könne daher in alles
nur mal „hineinschnuppern“ und müsse das Beste
von allem mitnehmen. Guckt man in Susis Sattelkammer, dann ist
„das Beste“ von solchen Spezial-Trainern immer deren
eignes, hilfreiches Zubehör. Zum Beispiel der doppeltgeschweifte
Schlaufzügel aus echtem Trollhaar, das aus Sleipnirs letztem
Hintereisen geschmiedete Supergebiss und die grüngestreiften
Plastikschläuche samt farblich passendem Halfter und Strick,
die beim Kurs „Schiefe Pferde reiten für Anfänger“
zu erwerben waren.
In ihrer raren Freizeit übt Susi mit ihrem Lullari das Kombinieren
der Methoden. Dazu läuft ihr Pferd dann grüngestreift
behalftert um Plastikhütchen, kaut auf dem Gebiss vom Kurs
„Der Weg ins Herz des Pferdes führt über sein
Maul“ und Susi selber versucht sich im Hock, der Urform
des klassischen Islandpferdesitzes. Dass Lullari trotz Hock mehr
schwöltet als töltet und er die grüngestreiften
Plastikschläuche lieber fressen möchte, als sie elegant
zu durchschreiten, macht Susi schon ein bisschen Sorgen. Aber
natürlich lässt sie sich selbst beim „Nonverbalen
Pferdetelepathie“-Kurs filmen, so dass sie jederzeit nochmal
gucken kann, was es ihr gebracht hat und was sie vielleicht anders
machen könnte.
Im letzten Winter, als die Gurus Deutschland verlassen hatten,
um in wärmeren Regionen zu überwintern, kam Susi aber
gar nicht mehr weiter. Weder Tierkommunikation, noch die Hand-Kappzaum-Hand-Methode
fruchteten, Lullari verweigerte den Gang durch die Schläuche
und Susi fiel beim Leicht-Hock vom Pferd. Das erste Mal seit Jahren
suchte sie daher die örtliche Reitschule auf, wo ein älterer
Herr nach einer Methode ohne Namen lehrt.
Susi berichtete erstaunt, dass sie zunächst all das „Gedöns“
vom Pferd nehmen musste und dann „einfach nur vorwärts
reiten“ sollte. Und Lullari spurte! Ich dachte schon, Susi
hätte sich ein neues Hobby gesucht. Aber im letzten Januar,
als die ersten Jahresprogramm in Susis Briefkasten flatterten,
wurde sie rückfällig und meldete sich für „Halsring-Reiten
für mehr Versammlung“ und „Klassische Reiterei
für Isländer nach iberisch-dänischen Vobildern
mit Jens Gomez Gudlaugson“ an. Einmal Hopper, immer Hopper…
Allrounder mit normalen Kenntnissen gesucht!
In unserer Offenstall-Männer-WG war lange Zeit noch ein
Platz frei, den wir gerne belegen wollten. Über das Profil
des aufzunehmenden Pferdes war sich unsere Stallgemeinschaft schnell
einig, es sollte ein Robustpferd sein, nicht zu groß, verträglich
und umgänglich. Beim zugehörigen Menschen erwarteten
wir eigentlich nur die normalen Fähigkeiten eines Pferdebesitzers,
also Grundkenntnisse in Isländisch, Tiermedizin, Naturheilkunde,
Landwirtschaft, Fütterung, Gangartenkunde und Facility-Management.
Die aussichtsreichsten Interessenten luden wir zum Bewerbungstest
ein. Den Anfang machte eine Mittzwanzigerin, von Beruf Krankenschwester.
Die Bewerberin hatte Glitzersteinchen auf ihren Fingernägeln,
fuhr einen italienischen Kleinstwagen und hatte nach zwei Tagen
Regenwetter Sandalen zur Offenstallbesichtigung angezogen. Das
machte uns schon etwas stutzig. Meine Stallkollegin begann den
Test mit einer sehr leichten Frage aus dem Bereich Offenstallmathematik:
„Wie viele HD-Ballen Heu passen in Ihren Kofferraum?“
Die Dame reagierte pikiert und erwiderte: „Sowas lade ich
nicht ins Auto, die Halme kriege ich nie wieder aus den Polstern!“
Diese Antwort gab Abzüge in der B-Note (Realismus und Willen
sich zu Engagieren). Beim Zaunlatten-Annageln und T-Pfosten-Setzen
erwies sich das Schuhwerk und die pedikürten Hände erwartungsgemäß
als unpraktisch. Die Bewerberin verzichtete nach diesem Debakel
freiwillig auf den Einzug in unseren Stall und zog mit drei abgebrochenen
Fingernägeln von dannen.
Bewerberin Nr. 2, eine Lehrerin, war schon wesentlich robuster.
Sie hatte das passende Schuhwerk an, Dreck unter den Nägeln
und im Auto und war es gewohnt, sich mit einer Bande pubertierender
Teenager auseinander zu setzen. Das verhalf ihr zu einer hohen
Bewertung in der A-Note (Umgang mit den Pferden), denn sie lotste
unsere Herde souverän nach 20 Minuten Weidegang wieder zurück
in den Paddock. Eine volle 250 Liter Karre manövrierte problemlos
über das 30cm breite Brett auf unseren Misthaufen und wir
wollten sie schon zu ihrem neuen Einstellplatz beglückwünschen.
Doch dann disqualifizierte sie sich. Wie hoch denn der zeitliche
Aufwand wäre, den die geforderte „Mithilfe“ ausmache,
wollte sie wissen. „Ich habe nämlich noch eine Familie
und andere Hobbys, die sie nicht vernachlässigen will…“
So luden wir noch Bewerber Nr. 3, einen männlichen Späteinsteiger
ein. Er fuhr mit einem zugstarken Geländewagen vor, trug
Stahlkappen-Schuhe und war noch dazu in Altersteilzeit. Beste
Vorrausetzungen also für das Robustpferdehalter-Dasein! Beim
Einstellungstest mussten wir allerdings Abzüge in der A-Note
geben, denn der Mann konnte Trölt nicht von Schwölt
unterscheiden. Und er erkannte drei von sechs Fliegensprays nicht
am Geruch, dafür war er im Umgang mit Hammer und Nagel geübt.
Meine Stallkollegin stellte ihm schließlich die entscheidende
Frage: „ Wenn Du den Platz bekommst, wie oft willst Du pro
Woche reiten?“ Nach einem Blick auf unsere an vielen Stellen
renovierungsbedürftige Anlage antwortete der Bewerber: „Reiten
wird als Hauptbeschäftigung einfach überbewertet, es
gibt so viele andere Beschäftigungen im Stall!“ Das
brachte ihm nicht nur die noch fehlenden Sympathiepunkte sondern
auch einen neuen Einstellplatz. Und sein Pferd kriegen wir auch
noch robust, das ist schließlich das kleinste Problem.
Kunstfertig und ausgebucht!
Bei Künstlern ticken die Uhren ja bekanntlich
anders… Ich hatte nur bislang Schmiede nicht für Kunsttätige
sondern für Handwerker gehalten, wurde aber neulich eines
Besseren belehrt. Nachdem ich fast zwei Monate gewartete hatte,
um überhaupt in dem übervollen Terminkalender eines
ausgebuchten Schmiedes Aufnahme zu finden, sollten nun die Hufe
meiner Pferde auf handwerklich hervorragende Weide verschönt
werden.
Ich begab mich sehr pünktlich zum Stall und richtete den
Anbindeplatz her, fegte und putzte die Hufe und Beine des Pferdes.
Leider war nach fast zwei Stunden Wartzeit kein Schmied am Horizont
zu sehen. Ich rief ihn also an, um in aller Bescheidenheit zu
erfragen, ob er denn überhaupt noch käme. Er sei aufgehalten
worden, meinte er schroff und käme „später“.
Gut Ding will Weile haben, dachte ich, und immerhin scheint der
Mann sich ja für seine Kunden Zeit zu nehmen.
Eine weitere Stunde verging. Natürlich konnte ich nicht den
Hof verlassen, denn schließlich hätte der Kunstschmied
ja jederzeit erscheinen können. Die zweite Stunde Wartezeit
war schon zäher. Meine Pferde standen längst wieder
auf der Weide, mit dreckigen Hufen, ich hatte inzwischen den Paddock
und die Boxen gemistet und 200 Ballen Altheu neu gestapelt. Was
soll man auch sonst tun, bei knapp 6° Außentemperatur
und Nieselregen?!
Dann rollte der Meister auf den Hof. Und mit ihm zwei Assistenten,
die „Aufhalter“. Ich zerrte meine Pferde wieder von
der Weide, fragte noch höflich, ob ich vielleicht das Pferd
mal vortraben solle… Da nahm mir der eine Assistent schon
den Strick aus der Hand, während der andere nach dem Vorderhuf
griff und meinte, ob ich nicht das zweite Pferd auch schon mal
hinstellen könnte. Das kunstfertige Ausschneiden der acht
Pferdehufe dauerte auf diese Weise gerade mal 15 Minuten.
Als ich dem Schmiede-Chef, der immerhin das Hufmesser und die
Zange selber bedient hatte, dann die vereinbarte Summe Bargeld
überreichte, murmelte er noch etwas von „Bisschen Kaffe
und Kuchen wäre mal nett gewesen…“. Auf eine
Bewirtung war ich allerdings nicht eingerichtet gewesen. Ich konnte
immerhin noch ein trockenes Brötchen und abgestandene Apfelschorle
anbieten, was aber dankend abgelehnt wurde. Auf meine Frage nach
einem neuen Termin meinte der mürrische Meister: „Da
muss ich erstmal gucken, ich melde mich dann…“lud
seine Assistenten, Zangen und Hufmesser ein und rollte vom Hof.
Spätestens da merkte ich, dass mein Umgang mit Künstlern
wohl noch des Feinschliffes bedarf. Nun warte ich darauf, dass
ich einen neuen Termin zum Warten bekomme. Künstlerpech halt!
Ausgesprochen schwierig
Als Reiter hat man einen elaborierten Sprachcode, den Mitmenschen
weder gutheißen noch verstehen können. Seit ich in
die Reitschule ging, gehörten Begriffe wie Pferdeäppel
und Mist zu meinem normalen Sprachschatz und Unterhaltungen, in
denen es um die Wehwehchen und Ausscheidungen der heißgeliebten
Vierbeiner gingen, gehörten zur Tagesordnung, was meine Eltern
beim Mittagsessen regelmäßig zur Weißglut brachte.
Ich lernte aber auch Dinge fürs Leben, zum Beispiel, dass
„Galopp rechte Hand“ nicht etwas was mit meiner Handhaltung
zu tun hatte, sondern mit dem jeweiligen Hinterbein des Pferdes.
Ich verstand, dass „aussitzen“ manchmal schwerer war
als „leichttraben“ und wusste, dass ich nicht „Têten-Reiter“
sein wollte, weil mit nicht merken konnte, wie man richtig „durch
die ganze Bahn“ wechselte.
Als ich auf Isländer umstieg, fühlte ich mich vokabeltechnisch
voll auf der Höhe. Sehr bald merkte ich aber, dass Isländer
nicht nur anders gehen, sondern auch, dass der gemeine Islandpferde-Reiter
eine ausgesprochen schwierige, weil ganz eigene Sprache spricht,
eine Art „Isi-Slang“.
Die Vermischung von Isländisch und Deutsch machte es mir
von Anfang an schwer. Zum Beispiel in der Sattelkammer. Ich hatte
mich auf die Suche nach „einem Vorgurt und einem Paar Glocken“
begeben sollen und stand ratlos dar, weil ich mir partout unter
einem Gurt vor dem Gurt und Kirchenglocken fürs Pferd nichts
vorstellen konnte. Ich kannte Stoßzügel, die ja weder
was mit an- noch mit abstoße zu tun hatten, Martingale und
Schlaufzügel, aber wo man am Pferd Glocken montieren konnte
und wozu, das entzog sich meiner Vorstellungskraft.
Irgendwann lud man mich ein, ob ich nicht mit auf ein „OSI“
kommen wollte. Nichtsahnend fuhr ich mit und dachte, wir gingen
in eine Kneipe und ein „OSI“ sei ein italienischer
Ouzo. Natürlich landete ich dann statt in einem Lokal auf
einem Turnier und wurde dort mit noch mehr Fremdwörtern konfrontiert:
IPO, FIZO, FEIF, T7, F3… Ich war umgeben von Begriffen und
Sitten, die mir mächtig spanisch vorkamen. Auf meiner OSI-Premiere
erlebte ich erstmals, dass man an Pferdebeine noch andere Dinge
als Eisen, Glocken oder Bandagen tüddeln kann. Und offenbar
brauchte man im Islandpferdesport sogar eine Wage, um das richtige
Menge Bein- und Hufschutz zu finden… Bei Sätzen wie
„Swartür hatte in der FEIF eine 8,01 und hat jetzt
im Tölt die Sport A-Quali…“ verstand ich gerade
mal, dass es um ein Pferd ging, was offenbar auf irgendeine Art
tölten konnte.
Aber man lernt Fremdsprachen ja vor allem wenn man mit ihnen tagtäglich
zu tun hat. Bei mir war also „Lernen durch praktische Übung“
angesagt und inzwischen geht mir der Isi-Slang ganz gut über
die Lippen.
Konsumstress
Das ganze Jahr über freue ich mich immer auf die alljährliche
„Pferd und Hund“-Messe. Nein, Moment, so heißt
sie nicht. „Pferd und Katze“ ist auch nicht richtig.
„Equituna“? Egal, Namen von Messen sind eh Schall
und Rauch, es geht schließlich darum, in einer Masse von
einkaufshungrigen, informationswütigen Menschen echte Schnäppchen
zu machen. Egal wo und egal wie.
Als erfahrener Messebesucher habe ich natürlich eine ganz
strenge Einkaufsliste und -um dem Konsumrausch von Vornherein
einen Riegel vorzuschieben- packe ich nur einige wenige Geldscheine
in mein Portemonnaie. Ich kenne mich schließlich…
Und eigentlich brauchte ich dieses Jahr auch wirklich nichts.
Höchstens einige Prospekte und Kataloge fürs Heimstudium
wollte ich mitnehmen. Meine Freundin folgte mir mit ähnlich
guten Vorsätzen. Durch vorherige Konsumzwangs-Niederlagen
war sie schließlich zum „Ebay“-Platin-Powerseller
geworden.
Nach zwei Stunden fanden wir uns richtig gut. Wir hatten noch
etwas von dem mitgenommen Geld übrig behalten, hatten einige
Pseudo-Schnäppchen locker links liegenlassen und nur das
gekauft, was wirklich unentbehrlich war.
„Aber ein Halfter kann man ja immer gebrauchen“, meinte
meine Freundin und wählte -passend zur neuen Schabracke und
dem Glitzer-Stirnband- ein pinkes Halfter, welches im fahlen Messelicht
ganz wundervoll aussah. Kurz danach schauten wir bei „Josef
aus Holland“ vorbei. Zwischen 250 Leuten schlängelte
ich mich durch den Stand, dessen Gänge höchstens 30cm
breit waren. Mit Mühe konnte ich in zwei Meter Höhe
die lange gesuchte Longierpeitsche mit dem drei Meter langen Schlag
greifen und trug sie zur Kasse. Ein wenig sperrig war mein Neuerwerb
schon, aber ich verstaute ihn einfach in der Tüte mit der
Thermodecke und den Leuchtgamaschen, die ich ohnehin schon mehrfach
anderen Messebesuchern (natürlich unfreiwillig!) in Kreuz
gehauen hatte.
Am Stand von „Luxa“ und „St. Hyazinth“
konnten wir als Vorkoster aus 20 Sorten Pferdefutter auswählen.
Ich erwog kurz, ob ich unterm Arm noch Platz hatte für einen
Sack „Light Energy High Power“ oder einen Eimer „Four
Gaited Surprise“-Mineral, musste aber einsehen, dass mein
Soll mit den nunmehr schon sieben Tüten, dem Mistboy und
der Longierpeitsche, die ich zwischen den Zähnen balancierte,
ziemlich ausgereizt war. Meine Freundin hatte noch die kreative
Idee, dass wir bei „Kleinenwinkelmann“ eine 600 Liter
Kippkarre für 399 Euro kaufen könnten, um unsere „Beute“
nach Hause zu kriegen. Damit hätten wir unser akutes Trageproblem
zwar beheben können, aber wer braucht schon eine so kleine
Karre? Wir hatten uns schließlich vorgenommen, nur wirklich
sinnvolle Dinge zu kaufen. Dinge, die man sonst nirgendwo günstiger
kaufen kann als auf einer Messe.
Um fünf Minuten vor Messeschluss war ich meiner Freundin
noch dabei behilflich, ihren Körper in eine hüftige
Schlaghose der Firma „Mondreiter“ zu quetschen, die
es mit Schlangenmuster zum Schnäppchenpreis von 350 Euro
gab. Und wozu hatten wir schließlich unsere Kreditkarten
eingepackt…???