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Karen Diehn

Alles ganz isi –
Mein Leben mit Isländern

Zur Fleygur-Webseite von Karen Diehn gehts hier
zur Fleygur Webseite von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen", Tierbuchverlag Irene Hohe.

 


Aufs Islandpferd gekommen…

Als Kind war ich Reitschüler in einer „normalen“ Reitschule, wo alles irgendwie geordnet, adrett und englisch zuging. Meine reitbaren Untersätze lebten in Boxen, gingen einige Stunden auf Weide und hießen Minor, Pünktchen, Titus oder Suse.

Irgendwann aber erinnerte ich mich an meine Urlaubs-Reiterfahrungen diesen „anderen“ Pferden, mit den Isländern, und daran, dass man mit denen ganz nett durchs Gelände bummeln konnte. Passenderweise fand sich Isi-Hof in der Nähe, der vom Grünkohlritt bis zum Sattel so ziemlich alles rund um die nordischen Gangtalente anbot. Als Großpferde erfahrender Umsteiger begann mein Einstieg in die Isländerwelt an einem Sonntagmorgen 9 Uhr mit einem regelrechten Reitkulturschock: In der Reitschule hätte man um 2 vor 10 die Ausbinder verschnallt, um dann um 1 vor 10 Uhr reitfertig in der Halle aufzumarschieren. Im Isländer-Stall aber war auch um 9.45 Uhr noch niemand zu sehen, geschweige denn ein Pferd fertig. Isländerleute sind sehr… locker mit ihren Zeitangaben, das war eine meiner ersten Lektionen. Sollte ein Ausritt um 10 Uhr beginnen, brauchte man eigentlich nicht vor halb elf zur Pferdeverteilung einzutreffen, die bei einem Becher Kaffee stattfand.

Edle Lederstiefel, luftige Westen und Reithosen in farbenfrohen Tönen wurden auf dem Isi-Hof nicht getragen. Als Neu-Islandpferdereiter schaffte ich mir also schnell einen schlammfarbenen Wachsmäntel an (besonders bewährt für Wattritte), wählte Gummi- statt Lederstiefel und gedeckte, schmutzunempfindliche Töne bei den Reithosen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Von den heute allgegenwärtigen Jodphurhosen mit Zipp oder gar Schlag war man in meiner Umstiegszeit übrigens noch weit entfernt… Das waren schließlich die robusten 80er!

Die Großpferde in meiner Ex-Reitschule kamen gerne mit mir aus ihrer Box, während die Isländer mir auf ihrem Paddock oft nur ihr zottiges Hinterteil zeigten, wenn ich in die Herde trat, um das zugeteilte Tier zum Reiten zu holen. Schmusebürsten und Lammfellputzhandschuh suchte ich im Putzkasten vergeblich. Stattdessen kamen beim Krustenkratzen derbe Wurzelbürsten und Fellkratzter zum Zuge, mit denen man die Haut von Warmblütern wohl wundgerieben hätte.

Und „bummelig“ ging es ganz und gar nicht zu beim Ausritt. Ich war feste Hufschlagfiguren, Kommandos wie „Teeerrrrab“ und einen Tête-Reiter gewohnt, der wusste, wann man abbiegen musste. Bei den Isis hieß es „Tölt, Marsch“ ohne Ankündigung sobald man Sandboden erreicht hatte. Vorne ritt derjenige mit dem schnellsten Pferd oder wer (angeblich) den Weg kannte.

Auch die isländischen Namen waren Neuland für mich. Irgendwann wurde mir ein Pferd namens „Rapp“ zugeteilt. Ich stiefelte in die Sattelkammer, konnte aber nur die Ausrüstung von „Jarpur“, „Skolli“ und „Perla“ finden. Das Namensschild „Hrafn“ war für mich unaussprechlich und ich dachte, es müsse sich wohl um einen Schreibfehler handeln…

Neulich fand ich im Keller eingestaubt meinen alten Wachsmantel. Der Geruch war noch der alte und erinnerte mich an früher. Ich habe das gern genutzte Stück bei Ebay verkauft. Vielleicht infiziert er ja noch jemanden mit dem Isi-Virus. Ich habe absichtlich einige Haare im Futter gelassen…

 

Immer rein damit

Kennen sie das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man einen Futtermittelprospekt aufschlägt? Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Scham und schlechtem Gewissen: Wie um alles in der Welt konnte das Pferd bislang mit Gras, Heu und Wasser überleben?!

Ich hatte in meinem Kopf irrtümlich die Worte „Genügsamkeit“ und „Leichtfuttrigkeit“ im Zusammenhang mit Islandpferden abgespeichert. Der bunte Katalog, der auf 250 Seiten Pulver, Pasten, Kräuter, Tinkturen und Futtermischungen anbot, zeigte mir aber genau das Gegenteil. Pferde und speziell Isländer konnten gar nicht „einfach so“ gefüttert werden.

Erste Anfälle von Hypochondrie überfielen mich: Hatte sich mein Fuchs nicht wiederholt am Ohr gejuckt? War sein Speichel nicht abnorm dünnflüssig? Sollten Mango-Minz-Leckerlis mit Knoblauch nicht unbedingt zum naturnahen Speiseplan meines Pferdes gehören?

Ehe ich vollends in Panik verfiel, blättere ich in die Abteilung „Isländer Spezialfutter“ und bekam den Durchblick. Die freundliche Futterindustrie hatte für Leute wie mich und die bestehenden und befürchteten Krankheiten meines Pferdes bereits vorgesorgt. Ich griff zum Hörer und bestellte die gesamte Produktpalette vom „Hesta Super“-Pelletfutter, über den isländischen Seetang zur Mineralversorgung bis hin zur Islandgras-Artic-Kur gegen Nasenschnodder und Augenringe.

Mein Fuchs blieb aber seltsamerweise so rot wie eh und je, wieherte mir nicht entgegen und tröltete immer noch. Ich kaufte daher für meinen hochspezialisierten Futterverwerter einen neuen Sack Isländer-Spezial-Futter, diesmal in Müsli-Form, der in etwa doppelt so teuer war wie das vorherige Futter, aber nur die Hälfte wog. Hierin waren aber beste Zutaten und sämtliche dringend gebrauchte Mineralien waren vulkanischen Ursprungs. Fürs länger Kauen gab es außerdem eine Extraportion Islandheu und für die Atmung 25 verschiedene Käruter. Zusammen mit den anderen Ergänzungsfutter-Ergänzungsmitteln füllte sich damit Füchschens Eimer schon recht üppig. Tagtäglich mampfte er nun eine halbe Stunde lang sein Futter und ich beobachtete gespannt die Veränderungen. Nach drei Wochen bemerkte ich erste Rundungen an meinem Vierbeiner. Nach sechs Wochen verschwammen die Konturen seiner Knochen und er wurde wirklich „barock“. Ich erwog, die Heumenge zu reduzieren, denn eigentlich sollte er ja nicht fett sondern nur gesünder werden. Und die Zusatzfutter brauchte er schließlich zum gesunden Überleben, während Heu alleine nur Spurenelemente-Defizite, Ungleichgewichte bei der Vitaminresorption und Überschüsse beim Ca:P-Verhältnis verursachte… Oder vielleicht doch nicht?! Waren Isländer doch nur ganz gewöhnliche Fresser und Verdauer? Ich wälzte wieder die Fütterungs-Büchern. Aber dort gab es seltsamerweise kein Kapitel über physiologische Besonderheiten beim Islandpferde oder Abhandlungen über unterschiedliche Verdauung- oder Verwertungsabläufe.

Nach langem Ringen mit mir und größeren Albträumen kehrte ich zu einer regelrecht spartanischen Fütterung zurück. Und was soll ich sagen, die von mir gefütterten Pferde leben immer noch! Das kann natürlich Zufall sein, das gebe ich. Man sollte sich nie zu sehr in Sicherheit wiegen und besser vorbeugen… Dieser schorfig-sandige Belag im Fell könnte schließlich ein Anzeichen für eine wundgelaufene Wanderniere im Endstadium sein. Und dass mein Pferd gerne in der Sonne ein Mittagsschläfchen macht, könnte man als Symptom des Burnout-Syndroms deuten.

Wenn ich jetzt in den bunten Katalogen blättere, zuckt noch manchmal meine Hand und will zum Telefon greifen, um die Bestellhotline anzurufen. Die Dose „Biotin 2009+“ brächte bestimmt noch festere Hufe. Und vielleicht hat sich mein Pferd schon immer nach Johannisbrot gesehnt und wäre mir so richtig dankbar dafür…?

Trainerhopping

Ich habe eine Freundin namens Susi, die ein sehr stressiges und zeitaufwändiges Hobby hat. Nein, ich meine nicht die Reiterei oder ihr Islandpferd. Aber Susi betreibt aktives Trainer-Hopping, das bedeutet, sie macht an 30 Wochenenden im Jahr Kurse bei jedem Trainer, der eine heilversprechende Methode praktiziert, eine bahnbrechende Idee des Reitens verkauft oder schlicht eine Aura verbreitet, die sie dahin schmelzen lässt. Die Lehrgansleiter, hauptsächlich Männer, haben fast alle exotisch klingende Namen und sprechen nur gebrochen Deutsch. Das stört Susi aber nicht, sie kutschiert ihren Wallach Lullari gerne 300 Kilometer weit für „Rennpass-Reiten nach Methode von Odinsson&Heklasdottir“ und fünf Tage 400 Kilometer zu „Pferdeflüstern für Fortgeschrittene mit Don Jaime Manolo Los Santos Torres“.

Das doofe am Trainer-Hopping sei aber, sagt Susi, dass nach 2,5 Tagen der Guru leider weiter zöge und man sich alleine deswegen schon umorientieren müsse. Man könne daher in alles nur mal „hineinschnuppern“ und müsse das Beste von allem mitnehmen. Guckt man in Susis Sattelkammer, dann ist „das Beste“ von solchen Spezial-Trainern immer deren eignes, hilfreiches Zubehör. Zum Beispiel der doppeltgeschweifte Schlaufzügel aus echtem Trollhaar, das aus Sleipnirs letztem Hintereisen geschmiedete Supergebiss und die grüngestreiften Plastikschläuche samt farblich passendem Halfter und Strick, die beim Kurs „Schiefe Pferde reiten für Anfänger“ zu erwerben waren.

In ihrer raren Freizeit übt Susi mit ihrem Lullari das Kombinieren der Methoden. Dazu läuft ihr Pferd dann grüngestreift behalftert um Plastikhütchen, kaut auf dem Gebiss vom Kurs „Der Weg ins Herz des Pferdes führt über sein Maul“ und Susi selber versucht sich im Hock, der Urform des klassischen Islandpferdesitzes. Dass Lullari trotz Hock mehr schwöltet als töltet und er die grüngestreiften Plastikschläuche lieber fressen möchte, als sie elegant zu durchschreiten, macht Susi schon ein bisschen Sorgen. Aber natürlich lässt sie sich selbst beim „Nonverbalen Pferdetelepathie“-Kurs filmen, so dass sie jederzeit nochmal gucken kann, was es ihr gebracht hat und was sie vielleicht anders machen könnte.

Im letzten Winter, als die Gurus Deutschland verlassen hatten, um in wärmeren Regionen zu überwintern, kam Susi aber gar nicht mehr weiter. Weder Tierkommunikation, noch die Hand-Kappzaum-Hand-Methode fruchteten, Lullari verweigerte den Gang durch die Schläuche und Susi fiel beim Leicht-Hock vom Pferd. Das erste Mal seit Jahren suchte sie daher die örtliche Reitschule auf, wo ein älterer Herr nach einer Methode ohne Namen lehrt.

Susi berichtete erstaunt, dass sie zunächst all das „Gedöns“ vom Pferd nehmen musste und dann „einfach nur vorwärts reiten“ sollte. Und Lullari spurte! Ich dachte schon, Susi hätte sich ein neues Hobby gesucht. Aber im letzten Januar, als die ersten Jahresprogramm in Susis Briefkasten flatterten, wurde sie rückfällig und meldete sich für „Halsring-Reiten für mehr Versammlung“ und „Klassische Reiterei für Isländer nach iberisch-dänischen Vobildern mit Jens Gomez Gudlaugson“ an. Einmal Hopper, immer Hopper…

 

Allrounder mit normalen Kenntnissen gesucht!

In unserer Offenstall-Männer-WG war lange Zeit noch ein Platz frei, den wir gerne belegen wollten. Über das Profil des aufzunehmenden Pferdes war sich unsere Stallgemeinschaft schnell einig, es sollte ein Robustpferd sein, nicht zu groß, verträglich und umgänglich. Beim zugehörigen Menschen erwarteten wir eigentlich nur die normalen Fähigkeiten eines Pferdebesitzers, also Grundkenntnisse in Isländisch, Tiermedizin, Naturheilkunde, Landwirtschaft, Fütterung, Gangartenkunde und Facility-Management.
Die aussichtsreichsten Interessenten luden wir zum Bewerbungstest ein. Den Anfang machte eine Mittzwanzigerin, von Beruf Krankenschwester. Die Bewerberin hatte Glitzersteinchen auf ihren Fingernägeln, fuhr einen italienischen Kleinstwagen und hatte nach zwei Tagen Regenwetter Sandalen zur Offenstallbesichtigung angezogen. Das machte uns schon etwas stutzig. Meine Stallkollegin begann den Test mit einer sehr leichten Frage aus dem Bereich Offenstallmathematik: „Wie viele HD-Ballen Heu passen in Ihren Kofferraum?“ Die Dame reagierte pikiert und erwiderte: „Sowas lade ich nicht ins Auto, die Halme kriege ich nie wieder aus den Polstern!“ Diese Antwort gab Abzüge in der B-Note (Realismus und Willen sich zu Engagieren). Beim Zaunlatten-Annageln und T-Pfosten-Setzen erwies sich das Schuhwerk und die pedikürten Hände erwartungsgemäß als unpraktisch. Die Bewerberin verzichtete nach diesem Debakel freiwillig auf den Einzug in unseren Stall und zog mit drei abgebrochenen Fingernägeln von dannen.
Bewerberin Nr. 2, eine Lehrerin, war schon wesentlich robuster. Sie hatte das passende Schuhwerk an, Dreck unter den Nägeln und im Auto und war es gewohnt, sich mit einer Bande pubertierender Teenager auseinander zu setzen. Das verhalf ihr zu einer hohen Bewertung in der A-Note (Umgang mit den Pferden), denn sie lotste unsere Herde souverän nach 20 Minuten Weidegang wieder zurück in den Paddock. Eine volle 250 Liter Karre manövrierte problemlos über das 30cm breite Brett auf unseren Misthaufen und wir wollten sie schon zu ihrem neuen Einstellplatz beglückwünschen. Doch dann disqualifizierte sie sich. Wie hoch denn der zeitliche Aufwand wäre, den die geforderte „Mithilfe“ ausmache, wollte sie wissen. „Ich habe nämlich noch eine Familie und andere Hobbys, die sie nicht vernachlässigen will…“
So luden wir noch Bewerber Nr. 3, einen männlichen Späteinsteiger ein. Er fuhr mit einem zugstarken Geländewagen vor, trug Stahlkappen-Schuhe und war noch dazu in Altersteilzeit. Beste Vorrausetzungen also für das Robustpferdehalter-Dasein! Beim Einstellungstest mussten wir allerdings Abzüge in der A-Note geben, denn der Mann konnte Trölt nicht von Schwölt unterscheiden. Und er erkannte drei von sechs Fliegensprays nicht am Geruch, dafür war er im Umgang mit Hammer und Nagel geübt. Meine Stallkollegin stellte ihm schließlich die entscheidende Frage: „ Wenn Du den Platz bekommst, wie oft willst Du pro Woche reiten?“ Nach einem Blick auf unsere an vielen Stellen renovierungsbedürftige Anlage antwortete der Bewerber: „Reiten wird als Hauptbeschäftigung einfach überbewertet, es gibt so viele andere Beschäftigungen im Stall!“ Das brachte ihm nicht nur die noch fehlenden Sympathiepunkte sondern auch einen neuen Einstellplatz. Und sein Pferd kriegen wir auch noch robust, das ist schließlich das kleinste Problem.

 

Kunstfertig und ausgebucht!

Bei Künstlern ticken die Uhren ja bekanntlich anders… Ich hatte nur bislang Schmiede nicht für Kunsttätige sondern für Handwerker gehalten, wurde aber neulich eines Besseren belehrt. Nachdem ich fast zwei Monate gewartete hatte, um überhaupt in dem übervollen Terminkalender eines ausgebuchten Schmiedes Aufnahme zu finden, sollten nun die Hufe meiner Pferde auf handwerklich hervorragende Weide verschönt werden.
Ich begab mich sehr pünktlich zum Stall und richtete den Anbindeplatz her, fegte und putzte die Hufe und Beine des Pferdes. Leider war nach fast zwei Stunden Wartzeit kein Schmied am Horizont zu sehen. Ich rief ihn also an, um in aller Bescheidenheit zu erfragen, ob er denn überhaupt noch käme. Er sei aufgehalten worden, meinte er schroff und käme „später“. Gut Ding will Weile haben, dachte ich, und immerhin scheint der Mann sich ja für seine Kunden Zeit zu nehmen.
Eine weitere Stunde verging. Natürlich konnte ich nicht den Hof verlassen, denn schließlich hätte der Kunstschmied ja jederzeit erscheinen können. Die zweite Stunde Wartezeit war schon zäher. Meine Pferde standen längst wieder auf der Weide, mit dreckigen Hufen, ich hatte inzwischen den Paddock und die Boxen gemistet und 200 Ballen Altheu neu gestapelt. Was soll man auch sonst tun, bei knapp 6° Außentemperatur und Nieselregen?!
Dann rollte der Meister auf den Hof. Und mit ihm zwei Assistenten, die „Aufhalter“. Ich zerrte meine Pferde wieder von der Weide, fragte noch höflich, ob ich vielleicht das Pferd mal vortraben solle… Da nahm mir der eine Assistent schon den Strick aus der Hand, während der andere nach dem Vorderhuf griff und meinte, ob ich nicht das zweite Pferd auch schon mal hinstellen könnte. Das kunstfertige Ausschneiden der acht Pferdehufe dauerte auf diese Weise gerade mal 15 Minuten.
Als ich dem Schmiede-Chef, der immerhin das Hufmesser und die Zange selber bedient hatte, dann die vereinbarte Summe Bargeld überreichte, murmelte er noch etwas von „Bisschen Kaffe und Kuchen wäre mal nett gewesen…“. Auf eine Bewirtung war ich allerdings nicht eingerichtet gewesen. Ich konnte immerhin noch ein trockenes Brötchen und abgestandene Apfelschorle anbieten, was aber dankend abgelehnt wurde. Auf meine Frage nach einem neuen Termin meinte der mürrische Meister: „Da muss ich erstmal gucken, ich melde mich dann…“lud seine Assistenten, Zangen und Hufmesser ein und rollte vom Hof. Spätestens da merkte ich, dass mein Umgang mit Künstlern wohl noch des Feinschliffes bedarf. Nun warte ich darauf, dass ich einen neuen Termin zum Warten bekomme. Künstlerpech halt!

 

Ausgesprochen schwierig


Als Reiter hat man einen elaborierten Sprachcode, den Mitmenschen weder gutheißen noch verstehen können. Seit ich in die Reitschule ging, gehörten Begriffe wie Pferdeäppel und Mist zu meinem normalen Sprachschatz und Unterhaltungen, in denen es um die Wehwehchen und Ausscheidungen der heißgeliebten Vierbeiner gingen, gehörten zur Tagesordnung, was meine Eltern beim Mittagsessen regelmäßig zur Weißglut brachte.
Ich lernte aber auch Dinge fürs Leben, zum Beispiel, dass „Galopp rechte Hand“ nicht etwas was mit meiner Handhaltung zu tun hatte, sondern mit dem jeweiligen Hinterbein des Pferdes. Ich verstand, dass „aussitzen“ manchmal schwerer war als „leichttraben“ und wusste, dass ich nicht „Têten-Reiter“ sein wollte, weil mit nicht merken konnte, wie man richtig „durch die ganze Bahn“ wechselte.
Als ich auf Isländer umstieg, fühlte ich mich vokabeltechnisch voll auf der Höhe. Sehr bald merkte ich aber, dass Isländer nicht nur anders gehen, sondern auch, dass der gemeine Islandpferde-Reiter eine ausgesprochen schwierige, weil ganz eigene Sprache spricht, eine Art „Isi-Slang“.
Die Vermischung von Isländisch und Deutsch machte es mir von Anfang an schwer. Zum Beispiel in der Sattelkammer. Ich hatte mich auf die Suche nach „einem Vorgurt und einem Paar Glocken“ begeben sollen und stand ratlos dar, weil ich mir partout unter einem Gurt vor dem Gurt und Kirchenglocken fürs Pferd nichts vorstellen konnte. Ich kannte Stoßzügel, die ja weder was mit an- noch mit abstoße zu tun hatten, Martingale und Schlaufzügel, aber wo man am Pferd Glocken montieren konnte und wozu, das entzog sich meiner Vorstellungskraft.
Irgendwann lud man mich ein, ob ich nicht mit auf ein „OSI“ kommen wollte. Nichtsahnend fuhr ich mit und dachte, wir gingen in eine Kneipe und ein „OSI“ sei ein italienischer Ouzo. Natürlich landete ich dann statt in einem Lokal auf einem Turnier und wurde dort mit noch mehr Fremdwörtern konfrontiert: IPO, FIZO, FEIF, T7, F3… Ich war umgeben von Begriffen und Sitten, die mir mächtig spanisch vorkamen. Auf meiner OSI-Premiere erlebte ich erstmals, dass man an Pferdebeine noch andere Dinge als Eisen, Glocken oder Bandagen tüddeln kann. Und offenbar brauchte man im Islandpferdesport sogar eine Wage, um das richtige Menge Bein- und Hufschutz zu finden… Bei Sätzen wie „Swartür hatte in der FEIF eine 8,01 und hat jetzt im Tölt die Sport A-Quali…“ verstand ich gerade mal, dass es um ein Pferd ging, was offenbar auf irgendeine Art tölten konnte.
Aber man lernt Fremdsprachen ja vor allem wenn man mit ihnen tagtäglich zu tun hat. Bei mir war also „Lernen durch praktische Übung“ angesagt und inzwischen geht mir der Isi-Slang ganz gut über die Lippen.

 

Konsumstress

Das ganze Jahr über freue ich mich immer auf die alljährliche „Pferd und Hund“-Messe. Nein, Moment, so heißt sie nicht. „Pferd und Katze“ ist auch nicht richtig. „Equituna“? Egal, Namen von Messen sind eh Schall und Rauch, es geht schließlich darum, in einer Masse von einkaufshungrigen, informationswütigen Menschen echte Schnäppchen zu machen. Egal wo und egal wie.
Als erfahrener Messebesucher habe ich natürlich eine ganz strenge Einkaufsliste und -um dem Konsumrausch von Vornherein einen Riegel vorzuschieben- packe ich nur einige wenige Geldscheine in mein Portemonnaie. Ich kenne mich schließlich… Und eigentlich brauchte ich dieses Jahr auch wirklich nichts. Höchstens einige Prospekte und Kataloge fürs Heimstudium wollte ich mitnehmen. Meine Freundin folgte mir mit ähnlich guten Vorsätzen. Durch vorherige Konsumzwangs-Niederlagen war sie schließlich zum „Ebay“-Platin-Powerseller geworden.
Nach zwei Stunden fanden wir uns richtig gut. Wir hatten noch etwas von dem mitgenommen Geld übrig behalten, hatten einige Pseudo-Schnäppchen locker links liegenlassen und nur das gekauft, was wirklich unentbehrlich war.
„Aber ein Halfter kann man ja immer gebrauchen“, meinte meine Freundin und wählte -passend zur neuen Schabracke und dem Glitzer-Stirnband- ein pinkes Halfter, welches im fahlen Messelicht ganz wundervoll aussah. Kurz danach schauten wir bei „Josef aus Holland“ vorbei. Zwischen 250 Leuten schlängelte ich mich durch den Stand, dessen Gänge höchstens 30cm breit waren. Mit Mühe konnte ich in zwei Meter Höhe die lange gesuchte Longierpeitsche mit dem drei Meter langen Schlag greifen und trug sie zur Kasse. Ein wenig sperrig war mein Neuerwerb schon, aber ich verstaute ihn einfach in der Tüte mit der Thermodecke und den Leuchtgamaschen, die ich ohnehin schon mehrfach anderen Messebesuchern (natürlich unfreiwillig!) in Kreuz gehauen hatte.
Am Stand von „Luxa“ und „St. Hyazinth“ konnten wir als Vorkoster aus 20 Sorten Pferdefutter auswählen. Ich erwog kurz, ob ich unterm Arm noch Platz hatte für einen Sack „Light Energy High Power“ oder einen Eimer „Four Gaited Surprise“-Mineral, musste aber einsehen, dass mein Soll mit den nunmehr schon sieben Tüten, dem Mistboy und der Longierpeitsche, die ich zwischen den Zähnen balancierte, ziemlich ausgereizt war. Meine Freundin hatte noch die kreative Idee, dass wir bei „Kleinenwinkelmann“ eine 600 Liter Kippkarre für 399 Euro kaufen könnten, um unsere „Beute“ nach Hause zu kriegen. Damit hätten wir unser akutes Trageproblem zwar beheben können, aber wer braucht schon eine so kleine Karre? Wir hatten uns schließlich vorgenommen, nur wirklich sinnvolle Dinge zu kaufen. Dinge, die man sonst nirgendwo günstiger kaufen kann als auf einer Messe.
Um fünf Minuten vor Messeschluss war ich meiner Freundin noch dabei behilflich, ihren Körper in eine hüftige Schlaghose der Firma „Mondreiter“ zu quetschen, die es mit Schlangenmuster zum Schnäppchenpreis von 350 Euro gab. Und wozu hatten wir schließlich unsere Kreditkarten eingepackt…???


 
   

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