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Neurokinetic und Faszientraining - Interview von Jutta Plötz mit Michael Maurer


Michael Maurer war in seinem ersten Leben Berufsreiter im Großpferdesport. Während einer eigenen schweren Krankheitsgeschichte hat er die alternative Medizin entdeckt. Die Reitkarriere war leider vorbei und er hat sein Wissen und seine Energie auf andere Weise in die Pferde gesteckt. Er arbeitete schon mit Größen wie Ludger Beerbaum und setzt immer auf die Aufklärung und Mitarbeit des Pferdebesitzers.

Heute arbeitet Michael Maurer in seinem Therapie- und Trainingszentrum in Wettringen im Kreis Steinfurt. Er ist aber auch vor Ort tätig. Sein absoluter Schwerpunkt ist die Arbeit mit Pferden. Maurer arbeitet nach ganzheitlichen Gesichtspunkten mit naturheilkundlichen Methoden, sehr oft auch an der Tier-Mensch-Beziehung.

Weitere Infos zu Michael Maurer finden Sie unter: http://ttz-maurer.de/

Michael, was ist für dich das Wichtigste in deiner Arbeit?

Am Wichtigsten für mich ist, dass das Problem des Pferdes gelöst wird. Sie können selbständig nichts für sich tun. Die Verantwortung haben die Pferdebesitzer. Aber nicht jeder kann ein Fachmann sein und die Probleme seines Pferdes erkennen. Er kann nur Symptome wahrnehmen. Hier kann man mich rufen und ich versuche, das Problem zu erkennen und zu helfen. Die Besitzer beziehe ich immer aktiv ein.
Wer mich kennt, weiß, dass ich mit großer Leidenschaft viel erkläre und vermittle. Dabei versuche ich immer, den Besitzern maximale Hilfestellung zu geben. Manchmal lasse ich mich regelrecht mitreißen, weil es so befriedigende Arbeit ist.
Und am Meisten begeistert mich immer wieder, wie unglaublich schnell und effektiv sich Pferde helfen lassen.

Was ist dein Schwerpunkt in deiner Arbeit als Tierheilpraktiker?

Pferde haben oft Reiter, die durch den eigenen Alltag körperliche Dysbalancen mitbringen. Es wird Equipment genutzt, das nicht optimal passt oder nicht optimal eingesetzt wird. Das können Sättel sein, die nicht richtig sitzen, Gebisse, die in ungeübter Reiterhand zu hart einwirken und mal ist "nur" falsch gesattelt. Oder die Reiter bringen ihre Schiefe mit und übertragen sie aufs Pferd. Aber natürlich können auch stolpern der Pferde, sich vertreten oder Rangkämpfe auf der Wiese einen negativen Effekt haben. Pferde haben oft Verspannungen aus unterschiedlichsten Ursachen. Die lösen sich nicht von allein, sondern etablieren sich im Pferdekörper. Die Pferde gehen in Schonhaltung um schmerzfreier laufen zu können und werden in ihrer Beweglichkeit immer beeinträchtigter. Sie verlieren ihre Durchlässigkeit. Durch verschiedenste Ursachen also können sich behandlungsbedürftige Schiefstellungen, Muskelverspannungen oder Blockaden, unabhängig von Rasse oder Reitart, entwickeln. Und niemand weiß, wo in dem Pferdekörper das vielleicht nur kleine Grundproblem sitzt. Mein Job ist, das Problem zu finden und zu lösen.

Wie wirkt sich das auf deine Arbeit aus?

Gesundheit ist aus meiner Sicht ein andauerndes, dynamisches Wechselspiel von Reiz und Antwort zwischen Körper, Seele und Umwelt.
Ich versuche die Verschiebungen, die sich im Alltag zwischen diesen Komponenten ergeben können, aufzudecken und gemeinsam mit dem Menschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Es gibt immer wieder verschiedene Lösungsansätze, aber auch immer wieder diesen einen magischen Moment, in dem ich sehe, wie das Pferd reagiert. Das begeistert mich jedes Mal aufs Neue und macht meine Arbeit zu etwas, das mir selbst auch immer wieder Kraft gibt.

Ich beschäftige mich außerdem seit meinen eigenen Reitertagen damit, Trainingspläne für Pferde zu erstellen. Jeder (Hobby-) Athlet arbeitet mit einem Trainingsplan. Nur Reiter mit ihren Pferden haben selten ein Konzept für ihr Reiten. Das Optimum bekommen wir nur, wenn wir bei A anfangen und uns über B, C und so weiter vorarbeiten. Das trifft für Mensch und Pferd gleichermaßen zu.

Was ist für dich der optimale Weg?

Heute beschäftigen wir uns bei Bewegungsproblemen egal welcher Art im Schwerpunkt mit der Neurokinetic. Die Neurokinetic ist ein ganzheitliches Behandlungskonzept. Zuerst untersuche ich die Pferde immer erst körperlich. Dann folgt die Arbeit mit dem NeuroStim®Gerät am passiven Pferd. Dann folgt - mal sofort, mal nach einem Tag Pause - die aktive Equikinetic (siehe Interview M. Geitner). Die Equikinetic sollte über mehrere Wochen durchgeführt werden. Natürlich kann man zusätzlich auch reiten. Neben dem Training dürfen Mensch und Pferd nie die Freude am Tun vergessen.
Die Neurokinetic bietet neben den bekannten manuellen Techniken das beste mir bekannte Mittel, um den Pferden zu helfen. Genau wie heute in der Humanmedizin die Faszienbehandlung einen großen Stellenwert hat, ist sie im Pferdesport mindestens genauso groß.

Faszien? Was sind das?

Faszien sind muskuläres Bindegewebe, wie eine Art Verpackung für verschiedene Zellgruppen. Man kann sie sich ungefähr wie die Umhüllung der Fruchtstückchen in einer Pampelmuse vorstellen. Der Raum zwischen den Fruchtstücken, zwischen den Zellwänden, dient dem Kommunikationsfluss. Dieses Bindegewebe - auch Faszien genannt - hat viele Funktionen. Unter anderem enthält es vielfältige Schmerz- und Bewegungssensoren und kommuniziert aktiv auf unterschiedlichste Arten. Faszien haben eine entscheidende Abwehrfunktion gegen Krankheitserreger und Infektionen. Sie sind mitverantwortlich für die Selbstheilung.

Wann ist eine Faszienbehandlung nötig?

Die Kommunikation zwischen verschiedenen Muskelgruppen erfolgt ganz unterschiedlich, z.B. über das Nervensystem, den Hormon- oder Flüssigkeitshaushalt. Faszien können durch unterschiedlichste Ursachen verkleben: durch einen Stoß, ständigen falschen Druck, sehr schnelle starke Gewichtsabnahme, Schiefstellungen, Zerrungen und so weiter. Die Kommunikation zwischen mindestens zwei Muskelgruppen im Körper wird unterbrochen. Wenn der Organismus es nicht mehr schafft, Fehler selbst zu korrigieren (Selbstheilungskräfte) müssen wir helfen, die Behandlung ist nötig.
Man kann sich das vielleicht bildlich wie unser Straßennetz vorstellen. Der Raum zwischen den kommunizierenden Faszien ist die Straße, mal wie eine Autobahn, mal wie eine Landstraße oder ein Wirtschaftsweg. Die Kommunikation fließt meist ungestört. Manchmal aber gibt es zähfließenden Verkehr oder Stau durch irgendeine Störung. Die Faszien sind verklebt.
Das Problem ist, dass diese Störungen im Pferdekörper nicht zu lokalisieren oder zu erreichen sind. Sie können tief im Pferdekörper liegen. Das macht das Problem mit einfacher manueller Massage nicht lösbar. Auch die klassische manuelle Therapie genügt nicht. Sie löst zwar unter Umständen eine Blockade. Die Faszien aber kleben immer noch zusammen und erhalten das Problem.
Deswegen arbeiten wir mit dem NeuroStim®-Gerät.

Man weiß, dass die Faszien auf Schwingungen in einem bestimmten Frequenzbereich reagieren und sich wieder voneinander lösen. Die Schwingungen rütteln den Körper im wahrsten Sinn auf wieder aktiv zu werden. Die Behandlung hat keinerlei negative Nebenwirkungen.
Wenn du dazu ein Bild haben willst, stell dir vor, du hast ein Sieb, bei dem einige Löcher verklebt sind. Wenn du es nur in Wasser legst, wird das Verklebte zwar aufgeweicht, aber es löst sich nicht. Wenn du es aber im Wasser hin und her rüttelst, lösen sich der Dreck und die Löcher des Siebes sind wieder frei.

Die Vibrationen des NeuroStim® gehen beim Pferd durch den ganzen Körper, jede Zelle kommt ins schwingen. Das kannst du ganz einfach fühlen. Ich lege das Gerät auf der linken Schulter an und du stehst mir gegenüber und legst deine Hand auf die rechte Schulter. Spürst du, wie die Vibration bei dir ankommt? Sie geht durch den kompletten Muskelbereich des Pferdes. Das ist manuell nicht zu schaffen.

Was ist Neurokinetic überhaupt?

Neurokinetic ist die Kombination von neuromuskulärer Stimulation durch Niederfrequenzbehandlung mit dem NeuroStim®Gerät und Equikinetic.
Bei der neuromuskulären Stimulation wird mit Hilfe von Niederfrequenzen gearbeitet. Es gibt einen Frequenzbereich, in dem die Muskulatur beginnt sich zu entspannen und in ihren ursprünglichen Rhythmus zurückgeht. Verklebungen lösen sich und Kommunikation kann wieder stattfinden.
Die Stimulation kann zu Beginn der Behandlung an unterschiedlichsten Stellen am Pferd Unwohlsein oder sogar Schmerz verursachen. Es kann versuchen, sich zu entziehen. Aber sehr schnell beginnt es, das Wohlgefühl wahrzunehmen. Es wirkt oft wie erleichtert, beginnt sich fallen zu lassen, abzuschnauben und zu kauen.
Das war ja auch an deiner Fuchsstute sehr gut zu sehen. Sie hat nach erster deutlicher Abwehr gemerkt, wie der Schmerz nachließ und sich ein Wohlgefühl einstellte. Sie hat sich fallenlassen und begonnen zu kauen.



Man kann übrigens auch ausgezeichnet Lymphdrainagen mit dem NeuoStimGerät durchführen. Besonders bei längeren Entzündungsprozessen empfiehlt sich, die Pferde beim Abtransport der Entzündungszellen aktiv zu unterstützen.

Wie gehst du bei einem Besuch vor?

Ich kann mir vom Pferdebesitzer die Probleme schildern lassen, muss es aber nicht zwingend. Eine Lahmheit vorne links kann eine Ursache in Verklebungen an der rechten Kruppe haben. Wo ganz genau die Verklebungen sind, kann bei Milliarden von Zellen aber kein Mensch sagen.  
Ich untersuche die Pferde immer zunächst körperlich. Meist erkenne ich da schon erste Einschränkungen der Beweglichkeit. Dann beginne ich nach einem bestimmten Schema mit der NeuroStim®Anwendung.
Bei deiner Scheckstute beispielsweise sehe ich die Anwendung durch das NeuroStim®-Gerät als Vorbereitung und Belebung des Körpers auf aktive Arbeit. Sie hat diesen überlangen Rücken und bei ihr ist deutlich eine stille Tragmuskelermüdung wahrzunehmen. Sie zeigt keine Abwehrhaltung. Für sie empfehle ich ein längerfristiges ergänzendes Training mit Equikinetic. Ihr Problem kann man unter dem Sattel allein nicht lösen.

In wie weit unterscheiden sich Islandpferde für dich von anderen?

Islandpferde sind meistens sehr viel introvertierter und haben eine sehr hohe Schmerzschwelle. Das ist für den Besitzer und auch mich eine echte Herausforderung. Besitzer müssen ihre Pferde sehr gut lesen können um manchmal Schlimmeres zu verhüten. Mir hilft meine langjährige  Erfahrung auch kleinste Signale zu deuten.
Deine Fuchsstute hat mich sehr überrascht. Sie hat für ein Islandpferd so deutliche Schmerzsignale gezeigt, wie ich sie eigentlich bei dieser Rasse nicht oft sehe. Aber sie hat auch unglaublich schnell positiv reagiert.

Wo präsentierst du dich im Netz?

Man findet mich auf meiner Homepage www.ttz-maurer.de und unter www.overo.de. Außerdem natürlich bei Facebook unter Michael Maurer. Dort ist schon einiges an Anschauungsmaterial zu sehen. Bald gibt es auch bei youtube einen Kanal mit Beispielen der NeuroStim®-Anwendung und ihren Ergebnissen.

Gibt es einen Tipp, den du gerne an uns weitergeben würdest?

Zum Thema Faszien im Pferd gibt es derzeit noch keine wissenschaftliche Abhandlung. Wer sich gern intensiver mit dem Thema befassen möchte, dem empfehle ich die Studien von Dr. Schleip aus 2004. Das ist aktuell das einzige Werk, das sich ausführlich und auf wissenschaftlicher Grundlage mit dem Thema Faszien (im Menschen) befasst. Außerdem bieten wir mehrtägige Ausbildungsseminare an. Und natürlich komme ich gern jederzeit für Behandlungen oder auch Seminare.

Danke für das Interview!

Das Interview führte Jutta Plötz / Bilder© Jutta Plötz