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von © Sattlermeister Marek Buck, Melanie Buck

Sattelauswahl und Sattelanpassung

Nur mit Halfter und Führstrick auf dem Rücken eines Isländers über die Wiese galoppieren? Diese wunderschöne Kindheitserfahrung endet spätestens mit der ersten ernsthaften Reitstunde – und eröffnet damit die Frage nach der passenden Ausrüstung, die dem Reiter einen sicheren, losgelassenen Sitz verschafft und speziell dem Islandpferd mit seinen besonderen Exterieurmerkmalen einen locker schwingenden Rücken ermöglicht.

Die Wahl des zum Ausbildungsstand passenden Gebisses, die Art der Trensenzäumung, das Material der Zügel können Ausbilder und Fachliteratur noch relativ einhellig beantworten.
Die Frage nach dem passenden Sattel hingegen benötigt ein vertieftes Fachwissen und einen geschulten Blick, denn DIN-Normen, Zentimeterangaben und Standardgrößen finden auf die Sattelanpassung keine Anwendung.

Erst in den letzten Jahren hat sich die Forschung intensiver mit der Passform von Sätteln befasst und festgestellt, dass zahlreiche falsch angepasste Sättel die Rückentätigkeit des Pferdes eher behindern statt fördern. Dies gilt im verstärkten Maße für das Islandpferd, das mit seiner kurzen, kräftigen Rückenlinie auf der einen Seite, dem nach hinten verlagerten Schwerpunkt der Sitzkurve und den verlängerten Trachten des Sattels auf der anderen Seite zuweilen große Probleme bekommt.

Die Irrtümer der Sattelanpassung Teil 1 – rund um die passende „Kammerweite“

Die Hersteller haben die im Laufe der letzten Jahre entwickelten Richtlinien zur anatomisch korrekten Anpassung von Sätteln verstärkt in ihrer Konzeption berücksichtigt. Wer den Neukauf eines hochwertigen Markensattels erwägt, braucht sich um die pferdegereichte Passform keine allzu großen Sorgen machen.

Was aber kann man tun, wenn man sich nun einmal partout keinen hochwertigen Neusattel leisten kann?

Sollte der Neusattelkauf kurzfristig nicht möglich sein, spricht glücklicherweise überhaupt nichts dagegen, einen gut gepflegten, gebrauchten Markensattel von der Stallkollegin oder über eine Verkaufsanzeige zu erwerben, solange der Reiter einige Grundsätze beim Umgang mit Gebrauchtsätteln beachtet. Zur Anpassung des Gebrauchtsattels sollte ein Fachmann zu Rate gezogen werden, denn schließlich ist auch dieser Sattel eine zunächst langfristige Investition.

Besonders sollte man bedenken, dass die „selbst vorgenommene Anpassung in der Stallgasse mit Rat der Stallkollegen, Reitlehrer und Bereiter“ leider immer wieder zu Irrtümern und Fehlmeinungen führt.
Jeder Reiter sollte sich dieser Irrtümer bewusst werden – im Sinne einer pferdegerechten, kritisch hinterfragenden Auswahl und Anpassung des Sattels!

Eine Auswahl der häufigsten „Irrtümer der Sattelanpassung“ möchten wir im Folgenden vorstellen:

Irrtum 1
„Drei Finger Platz zwischen Widerrist und Sattelkammer?"

„Zu einem der besonders hartnäckig verbreiteten Irrtümer gehört die Aussage
„Drei Finger Platz zwischen Widerrist und Sattelkammer, daraus ergibt sich die passende Kammerweite“.
Eine solch wenig exakte Messung führt kaum zu einem anatomisch korrekt angepassten Sattel. Nicht der Abstand oberhalb des Widerristes, sondern der beidseitige Verlauf der Orte bzw. des Kopfeisens seitlich des Widerristes stellt das entscheidende Maß dar“.

Als Orte werden die nach unten verlängerten vorderen Trachten des Sattelbaumes bezeichnet, die bei vielen Sattelmodellen durch ein stabilisierendes Kopfeisen verstärkt werden. Der Abstand zwischen den Ortspitzen wird als Ortweite bezeichnet, also nicht – wie oft angenommen und sprachlich eingebürgert – als „Kammerweite“.
Die Ortweite des Sattelbaumes gehört zu einem der insgesamt acht wichtigen Passformkriterien. Seitlich sollen sich die Orte des Sattelbaumes bzw. das Kopfeisen sanft geschwungen dem Verlauf der darunter liegenden Muskulatur des Pferdes anpassen.

Die Ortspitzen dürfen keinesfalls in die Muskulatur hineindrücken – in diesem Fall ist die Ortweite bzw. das Kopfeisen zu eng und es entstehen schmerzhafte Druckspitzen, die die Bewegungsfreiheit des Pferdes stark einschränken.

Doch auch der umgekehrte Fall einer zu weiten Einstellung der Orte kann langfristig ernsthafte Rückenschäden verursachen. In diesem Fall zeigen die Orte im unteren Verlauf vom Pferd weg, das Reitergewicht konzentriert sich punktuell nur noch auf den oberen Bereich des Kopfeisens, der Sattelbaum beginnt unruhig zu wippen.

„Für die korrekte Einstellung der Ortweite bzw. des Kopfeisens und damit für die Rittigkeit und Gesundheit des Pferdes ist somit nicht das Drei-Finger-Maß ausschlaggebend, sondern einzig und allein der parallele Verlauf der Orte bzw. des Kopfeisens und der darunter liegenden Muskulatur des Pferdes. Wie viele Finger Platz dann zwischen Sattelkammer und Widerrist verbleibt ist von der Höhe und vom Verlauf des Widerristes abhängig und erst als ein weiteres Kriterium zu überprüfen“.

Irrtum 2
„Die Kammerweite sollte besser weiter als zu eng eingestellt sein?"

Viele Hersteller bieten Ihre Sättel nur in den Größen Schmal, Mittel und Weit an. „Mein Pferd hat eine eher kräftige Statur, ich wähle lieber die weite Kammer“ lautet die Aussage vieler Sattelkäufer. Die äußerliche Gesamterscheinung eines Pferdes kann schnell über den konkreten Zustand der Sattellage hinwegtäuschen. Auch kräftige Pferde können zuweilen tiefe Kuhlen und eine schlecht entwickelte Muskulatur hinter den Schulterblättern aufweisen.
Vielleicht wird keine der verfügbaren Ortweiten dem Pferd tatsächlich exakt passen. Stehen nur die drei genannten Größen zur Auswahl, dann sind die Kontrolle der Passform und eine eventuell notwendige Einstellung des Kopfeisens unabdingbar.
Wie oben dargestellt kann die zu weite Einstellung der Ortweite Druckstellen ebenso wenig vermeiden wie die zu enge – es kommt auf die optimale, pferdeindividuelle Einstellung an.
Die Gratwanderung zwischen zu enger und zu weiter Einstellung ist relativ gering und bewegt sich in einem Bereich von nur gut einem Zentimeter.

Irrtum 3
„Um das Vorrutschen des Sattels zu vermeiden muss die Kammer enger gestellt werden?"

Durch Krankheit, Trainingswechsel, Fütterungsumstellung, sogar durch die beginnende Weidesaison kann sich der Verlauf der Rückenmuskulatur des Pferdes innerhalb sehr kurzer Zeit ändern. Die regelmäßige Kontrolle der Ortweite des Sattelbaumes durch den Fachmann sollte daher ernst genommen werden. Der Start in die Frühjahrssaison bietet sich als Termin für die jährliche Sattelkontrolle an – nach Krankheiten und Trainingspausen oder bei jungen, in der Entwicklung stehenden Pferden sollte diese selbstverständlich häufiger in Anspruch genommen werden.

Ganz besonders zu beachten ist, dass das Einstellen der Ortweite kein Experimentierfeld für die Korrektur von unpassenden Sätteln ist.
„Es ist schon häufig vorgekommen, dass unsachlich arbeitende Experten die Kopfeisen enger stellen, um ein Vorrutschen des Sattels zu verhindern oder eine ungünstige Sitzkurve auszugleichen. Diese Maßnahmen sind hier vollkommen fehl am Platze“.
Das Vorrutschen eines Sattels beispielsweise lässt sich durch die kombinierte Optimierung von Sitzschwerpunkt, Auflagefläche und Gurtstrupfenführung in den Griff bekommen. Der Ausgleich eines unpassenden Schwerpunktes erfolgt in sehr leichten Fällen durch sanftes Anpolstern, darüber hinaus durch ein korrektes Unterbauen des Sattelbaumes.
Stellt man hier lediglich die Kopfeisen enger, bleiben die originären Passformprobleme des Sattels nicht nur bestehen, sie werden durch die nun zu enge Ortweite um einen zusätzlichen Passformmangel erweitert.

Was aber kann man tun, wenn das Pferd infolge Krankheit Muskulatur abgebaut hat und der Sattel nun auf dem Widerrist aufliegt?
Die einen empfehlen, die Kopfeisen auf die aktuelle Sattellage einzustellen, um einen punktuellen Druck im oberen Bereich der Sattelbaumorte und einen wippenden Sattel zu vermeiden.
Die anderen warnen vor der engeren Einstellung und empfehlen, unbedingt ausgleichende Sattelunterlagen zu verwenden, um den Muskelaufbau nicht zu behindern.
Beides ist richtig und falsch zugleich – hier kann es keine Einheitsempfehlung geben. Die richtige Maßnahme ergibt sich aus der Beurteilung, wie sich die Muskulatur tatsächlich zurück entwickelt hat, wie sich der Verlauf der Sattelbaumorte zum Verlauf der Muskulatur tatsächlich verhält und welcher Art, Form und Länge das Kopfeisen des verwendeten Sattels ist. Belegt wurden diese Erkenntnisse inzwischen durch veterinärmedizinische Untersuchungen der Universität Wien – hier wurde per Druckmessung untersucht, wie verschiedene Sattelunterlagen die Passform von passenden und unpassenden Sätteln beeinflussen können. Das Ergebnis sagt aus, dass es die optimale Sattelunterlage nicht gibt – in vielen Fällen konnte die Sattelunterlage den unpassenden Sattel verbessern, in ebenso vielen Fällen verschlechterte sie die Passform.

Irrtum 4
„Mein Pferd benötigt Kammerweite 30?"

Besonders beim Kauf eines neuen Sattels oder bei der Übernahme eines gepflegten Gebrauchten sollte der Rat eines Reitsportfachhändlers oder Sattlermeisters in Anspruch genommen werden – die Form, die Länge und die nachträgliche Änderbarkeit der im Sattelbaum verarbeiteten Kopfeisen variiert von Hersteller zu Hersteller erheblich. Da sich das Kopfeisen beinahe unsichtbar unter den Oberledern versteckt, kann nur der Fachmann die für das individuelle Pferd optimale Variante berücksichtigen.

Die Größenangaben der Ortweite („Kammerweite“) können für den Laien schnell irreführend sein – bedingt durch die unterschiedlichen Längen der Kopfeisen (und damit der Endpunkte, an denen die Weite gemessen wird) muss die Ortweite des einen Herstellers keinesfalls der Ortweite eines anderen Herstellers entsprechen.
In der Zeitung finden sich häufig private Verkaufsanzeigen
„Sattel Marke X zu verkaufen, Kammerweite 30“.
Auf diese Größenangaben sollte sich der Sattelkäufer keinesfalls verlassen. Auch wenn das Pferd bisher einen Sattel Marke Y mit der passenden Ortweite 30 besaß, vielleicht benötigt es bei Sätteln der Marke X eine ganz andere herstellerspezifische Ortweite? Vielleicht wurde die ursprüngliche Ortweite 30 zwischenzeitlich auf eine andere Größe eingestellt und ist daher nicht mehr aktuell? Vielleicht ist das Material altersbedingt ermüdet und hat sich bereits um ein oder zwei Zentimeter geweitet? Diese Fragen kann der Fachmann bei einer Kontrolle schnell beantworten.

Irrtum 5
„Für Friesen, Araber und Isländer gibt es
spezielle Sattemodelle mit passender Kammweite?"

Für die Sattelauswahl ebenso irrelevant ist die Aussage
„Sattel zu verkaufen, weite Kammer, passend für Friesen, Haflinger, Isländer“.
Die Vermutung, dass die Rückenform eines Pferdes rassetypisch in Reinform auftritt, ist schlicht falsch.
Friesen, Haflinger, Isländer, Barockpferde und ähnliche Rassen haben zwar sicherlich tendenziell einen flacheren Widerrist, einen breiteren Rippenbogen und kürzere, geschwungene Rückenlinien. Aber es gibt große Gruppen dieser Pferde, die eben über einen hohen Widerrist, wenig Schultermuskulatur und wenig Brusttiefe verfügen. Dagegen können die als schmal und feingliedrig geltenden Araber zuweilen mit enormen Widerristbreiten und kräftigen Schulterpaketen überraschen. Von der Rasse eines Pferdes kann somit keinesfalls auf eine eventuell zu benötigende Ortweite geschlossen werden!

Irrtum 6
„Mein Jungpferd wächst noch –
einen teuren Sattel kaufe ich jetzt noch nicht?"

Ein besonders häufige Fehlmeinung hört man immer wieder im Zusammenhang mit dem Anritt junger Pferde. Zum Anreiten wird gern ein billiges Sattelmodell verwendet, „schließlich verändere sich der Youngster noch“. Erst anschließend möchte der Reiter in einen hochwertigen Markensattel investieren.

Bei einem jungen Pferd in der Anrittphase weicht der Babyspeck zunehmend der sich immer stärker und gezielter aufbauenden Muskulatur. Doch dass diese Entwicklung nicht plötzlich über Nacht, sondern als schleichender Prozess über die ganze Phase des noch nicht abgeschlossenen Wachstums erfolgt, dürfte sich im Grunde genommen von selbst verstehen!?

Beim Griff zum Billigsattel wird Geld an der falschen Stelle gespart. Der Pluspunkt eines hochwertigen Markensattels liegt ja gerade darin, dass dieser durch intensivere Herstellerforschungen nicht nur eine deutlich bessere anatomische Passform, sondern auch eine gute nachträglich Änderbarkeit besitzt:

- flexible Kopfeisen, die schnell und kostengünstig millimetergenau einstellbar sind,
- großzügig geschnittene und anatomisch geformte Sattelkissen, die sich weich und elastisch dem individuellen Muskelaufbau des Pferdes anpassen lassen,
- sorgfältig gearbeitete Kissenstellung, Längsbiegung, Sitzschwerpunkt, Gurtstrupfenführung, die unkompliziert nachträglich optimiert werden können.

Bei vielen Importmodellen sind diese Möglichkeiten der nachträglichen Sattelanpassung entweder gar nicht gegeben oder nur mit sehr zeitaufwendigen, teuren Änderungsmaßnahmen möglich. Der überlegte Sattelkauf für das Jungpferd ist somit eine langfristige Investition, die dem Pferd nicht schon zu Beginn seiner Karriere eine zunehmende Unrittigkeit beschert.

© Sattlermeister Marek Buck, Melanie Buck, 48291 Telgte
Nachdruck und Verwertung – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung der Autoren.

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