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Margit Heumann

Züchten statt Vermehren

 

(aus: Margit Heumann, Ein Hobby mit Konsequenzen, ISBN 978-3-9811479-1-9)

 

Es gibt nichts Netteres, als Fohlen zu beobachten. Wie sie geboren werden, mühsam aufstehen, die ersten Schritte gehen, das Euter der Stute finden. Schnell werden sie sicherer auf den Beinen, staksen mit der Mutter auf die Weide, erkunden neugierig die Welt, schlafen, spielen, rennen, raufen mit den gleichaltrigen Fohlen. Erstaunlich, wie schnell sie wachsen, mutig und selbstständig werden.

Fohlen sind so süß – leider ist das auch eines der häufigsten Argumente für das Vermehren. Vermehren? Ja, vermehren! Kein gewissenhafter Züchter würde diese Begründung in den Mund nehmen. Züchten ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die den Bedürfnissen der Tiere entsprechen und der Veredlung der Art dienen muss. Beim Züchten darf das Argument vom süßen Fohlen keine, aber auch gar keine Rolle spielen.

Leider gibt es noch eine Menge weitere Argumente, die dem Vermehren zugeordnet werden müssen:

„Meine Stute ist so toll, ich möchte unbedingt ein Fohlen aus ihr.“
Schön, wenn Sie von Ihrem eigenen Pferd so begeistert sind, dass Sie unbedingt eine Kopie davon haben möchten. Aber: Woher wollen Sie wissen, dass das Fohlen auch so wird? Schließlich wird es nicht nur die Gene der Mutter sondern auch die des Vaters in sich haben, und wie die Kombination sich entpuppt, kann auch der erfahrene Züchter nicht mit Sicherheit voraussagen. Wenn Sie den Gedanken an eine Kopie partout nicht aufgeben wollen, gibt es nur eine Möglichkeit: Klonen!

„Ich möchte mein Nachwuchspferd selber züchten.“
Ich kann mich nur wiederholen: Keiner kann sicher wissen, was bei einer noch so wohlüberlegten Anpaarung heraus kommt. Und noch etwas: Nicht nur die Gene bestimmen die Qualität Ihres Wunsch-Nachwuchspferdes, ebenso wichtig auf dem Weg dahin sind Aufzucht, Fütterung, Erziehung und Anreiten – um nur ein paar Stationen zu nennen. Haben Sie die Fähigkeiten, das Wissen, die Voraussetzungen dafür?

„Ich habe kein Geld für ein fertiges Reitpferd.“
Haben Sie schon mal ausgerechnet, welche Summe zusammenkommt von den ersten Informationsfahrten über Decken, Trächtigkeit und Geburt bis zum ersten Wanderritt oder Turnier? Allein die Futter- und Haltungskosten bzw. die Pension für drei oder vier Jahre, die Mitgliedschaft im Zuchtverband, die Impfungen und Wurmkuren, die Hufpflege und vielleicht die Ausbildung durch einen Profi. Außerdem kann so ein Tier auch krank werden oder gar kurz vorm Anreiten an einer Kolik eingehen. Machen Sie eine knallharte Kalkulation, ob nicht das ausgebildete Reitpferd, das Sie wirklich ausprobieren können, billiger kommt, als das selbst gezogene Nachwuchspferd, das trotz der hohen Kosten dann vielleicht nicht einmal Ihren Vorstellungen und Ihrem Können entspricht.

„Ich habe zu viel Gras.“
Das ist die dümmste Begründung, die es gibt. Verschenken Sie das Gras oder machen Sie Heu davon, lassen Sie den Schäfer mit seiner Herde kommen oder legen Sie sich selbst ein paar Schafe zu, oder von mir aus, essen Sie es selbst mit Essig und Öl als Salat. Nur schaffen Sie sich um Gottes Willen kein Fohlen an, damit das Gras weniger wird! Denn das Fohlen bleibt nicht klein, und es hat von Anfang an viel kompliziertere Bedürfnisse als Gras, es entwickelt sich, es wird erwachsen – und was machen Sie jetzt damit?

„Meine Kinder sollen mit einem Fohlen zusammen aufwachsen.“
Natürlich ist es schön und pädagogisch sinnvoll, Kinder mit Tieren zusammen zu bringen. Aber Fohlen sind gleich nach Löwenbabies und jungen Vipern so ungefähr das Ungeeignetste, was man ihnen anbieten kann. Sogar ein Goldfisch im Glas ist da noch besser.
Dass ein Fohlen seine Menschenkinder beschnuppert, anstupst, krault, das Vorderbein gibt und sich zu Laufspielen animieren lässt, ist anfangs ganz niedlich. Aber ein Fohlen wächst schnell: nach ein paar Wochen oder Monaten rempelt es die vermeintlichen Artgenossen an, beißt schmerzhaft zu, schlägt ungeduldig mit dem Vorderbein, und beim Spielen buckelt es übermütig, mit den Hufen genau in Kopfhöhe der Kinder. Womöglich bestrafen Sie es jetzt auch noch wegen seiner angeblichen Frechheiten, aber in Wirklichkeit tut es nur das, was Sie ihm anerzogen haben, allerdings mit der Kraft eines Halbwüchsigen.
Auf jeden Fall werden Sie Kinder und Fohlen schnellstens trennen müssen, hoffentlich bevor Ihre Kleinen ernsthaft verletzt werden und sie für immer Angst vor Pferden haben.
Tun Sie Ihren Kindern was Gutes und kaufen Sie ein Meerschweinchen, eine Katze, einen Hamster - oder schaffen Sie sich einen Familienhund an, dann haben Sie alle was davon. Vorausgesetzt, Sie können den Kindern zeigen, wie man mit einem solchen Tier umgeht.

„Meine Stute ist nicht (mehr) reitbar.“
Warum? Ein Sturz, eine Krankheit, eine Unart?
Wenn Ihre Stute bei einem Sprung so unglücklich gestürzt ist, dass sie eine bleibende Schwäche im Schultergelenk zurückbehalten hat, ist das ein Unfall und wirklich Pech. In diesem Fall könnte sie, wenn alle anderen Voraussetzungen stimmen (siehe weiter unten im Text!), wohl für die Zucht in Frage kommen.
Sollte es sich um eine Krankheit handeln, die vermutlich oder nachgewiesenermaßen (z.B. Spat, Sommerekzem) erblich bedingt ist, eignet sie sich nicht zum Züchten. Oder wollen Sie ein Fohlen in die Welt setzen, das dieselben Voraussetzungen haben könnte wie seine bedauernswerte, früh erkrankte Mutter?
Und lassen Sie um Himmels willen die Finger davon, mit einer Stute zu züchten, die Sie nicht reiten können, weil sie buckelt, schlägt oder beißt oder alles zusammen! Gerade Verhaltensweisen werden nicht nur vererbt sondern auch durch Nachahmung erlernt.

„Mein Pferd soll nicht so allein sein.“
Ein Pferd allein zu halten ist Tierquälerei, da haben Sie recht. Sie müssen etwas dagegen tun.
Wie wäre es z.B. mit einem älteren Beistellpferd? Oder nehmen Sie ein Pferd in Pension. Oder gründen Sie eine kleine Haltergemeinschaft – damit können Sie auch noch einen Mitreiter und einen Helfer im Stall gewinnen. Auch ein Shetlandpony tut gute Dienste als Kumpel, wenn Sie Ihre Zäune entsprechend dicht machen.
Auf gar keinen Fall dürfen Sie deswegen Pferde vermehren.

„Ich habe zu wenig Zeit zum Reiten.“
Es ist extrem kurzsichtig, seine Stute wegen Zeitmangel decken zu lassen.
Schon die Organisation des Deckens werden Sie mühsam in Ihrem Terminkalender unterbringen müssen, und Trächtigkeit, Fohlengeburt und Aufzucht werden auch nicht ohne ein zusätzliches Pensum an Arbeit und Stress sein. Dadurch bleibt Ihnen – logisch! - noch weniger Zeit zum Reiten.
Und was ist in drei oder vier Jahren? Dann haben Sie zwei Pferde – wie soll das denn gehen?

Züchten heißt verbessern, veredeln.

Sie haben (auch) andere Argumente und wollen verantwortungsvoll züchten, voraussichtlich nur für den Eigenbedarf. Ich setze voraus, dass Sie seit Jahren Umgang mit verschiedenen Pferden haben und, falls Sie Ihr zukünftiges Reitpferd züchten, solide Reitkünste vorweisen können. Vielleicht versorgen Sie Ihr(e) Pferd(e) selbst oder kümmern sich um deren Haltung und Fütterung im Pensionsstall. Und, ganz wichtig, Sie sind willens, dazuzulernen.

Für detaillierte Information besuchen Sie unter www.ipzv.de die Homepage des Islandpferdereiter- und Züchterverbands. Hier erfahren Sie alles Wissenswerte über die Zucht von Islandpferden, vor allem die von engagierten Züchtern und Fachleuten standardisierten Zuchtziele. Fühlen Sie sich dadurch nicht gegängelt oder eingeschränkt. Zuchtstandards helfen Ihnen, den passenden Hengst für Ihre Stute zu finden. Das ist schon mal eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein gutes Reitpferd. Dann müssen nur noch Aufzucht und Erziehung und Ausbildung stimmen ....

Aber vorher sollten Sie noch ein paar Gedanken an die Zukunft verschwenden.
Fohlen sind süß, aber bevor Sie überhaupt ans Decken denken, sollten Sie sich darüber klar werden, was Sie von dem erwachsenen Pferd erwarten. Soll es ein Familienpferd sein? Möchten Sie Freizeitreiten oder in den Turniersport einsteigen? Wie steht es mit Ihren reiterlichen Fähigkeiten? Wo, wie, wann können Sie sich weiterbilden, falls Sie ihr Pferd selbst anreiten wollen? Werden Sie in ein paar Jahren Zeit für zwei Pferde haben? Oder planen Sie Ihre Kinder als zukünftige Reitpartner ein? (Sicher wissen Sie, dass der Nachwuchs nicht immer die Interessen der Eltern teilt.)
Natürlich können Sie Ihr Leben nicht fünf Jahre im voraus im Detail planen, aber immerhin sollten Sie sich schon mal Gedanken darüber machen, wo Sie dann stehen möchten als Individuum, als Familie, im Beruf, und ob da ein weiteres Pferd Platz hat. Züchten ist verantwortungsvoll und langwierig. Der augenblickliche Traum vom eigenen Fohlen darf nicht in einem bösen Erwachen enden.

Lesen Sie erst weiter, wenn Sie befriedigende Antworten auf Fragen dieser Art gefunden haben.

Absolute Mindestvoraussetzungen

Bevor Sie überhaupt an ein Fohlen denken, sollten Sie sich klar machen, welche Voraussetzungen dafür mindestens nötig sind.

Information
Lesen Sie alles, was Sie über Zucht, Decken, Geburt und Fohlenaufzucht kriegen können. Da bietet sich wieder der IPZV mit seiner HP und seinem Verbandsorgan „Das Islandpferd“ an, aber auch die Frühjahrsnummern anderer Pferdezeitschriften und Standardwerke in Buchhandlungen und Bibliotheken.

Platz
Ist Ihr Stall groß genug für ein Pferd mehr? Es bleibt nicht das winzige Fohlen, sondern beansprucht schon mit einem halben Jahr einen vollwertigen Fress- und Schlafplatz. Haben Sie genug Futter? Stroh? Ist die Mistlege groß genug, dass Sie ein Pferd mehr verkraftet?
Meist sind dies die kleineren Platzprobleme. Ein Fohlen braucht vor allem viel Platz zum Spielen und Rennen, abwechslungsreiche, weitläufige Weiden, die einen Anreiz dafür bieten. Auch im Winter können Sie es nicht in einem kleinen Paddock, der für alte oder intensiv trainierte Pferde ausreichend ist, halten. Eine Art Winterweide, so groß, dass sie nicht aufmatscht, wäre ideal.

Futter
Ein Fohlen stellt schon vor der Geburt hohe Anforderungen an die Futterqualität. Die Mutterstute muss einwandfreies, nährstoffreiches Futter bekommen, vor allem darf keine Unterversorgung an Spurenelementen, Mineralstoffen und Vitaminen vorkommen. Nach der Geburt ist Weidegang unerlässlich, frisches Gras fördert die Milchproduktion und schon nach einigen Wochen fressen die Kleinen Gras mit. Sollte die Weide nicht ausreichend oder nicht qualitätvoll genug sein, so muss gezielt und wohldosiert mit Kraftfutter nachgeholfen werden, zunächst bei der Mutter, später ev. auch beim Fohlen. Auch hier ist wieder vor allem auf ausreichende Zufuhr von Mineralien usw. zu achten. Selbstverständlich muss immer sauberes Wasser und ein Leckstein, zunächst nur für die Stute erreichbar, zur Verfügung stehen.

Gesundheitsvorsorge
Auch die beginnt bei der Mutterstute. Sie sollte einen vollständigen Impfschutz gegen Tetanus, Tollwut und eventuell Influenza haben, ebenso gehören regelmäßige Wurmkuren zum Programm.
Ein Fohlen sollte etwa ab dem Alter von drei bis vier Monaten gegen Tetanus grundimmunisiert werden, und unbedingt auch gegen Tollwut, wenn Sie in einer Gegend mit Tollwutverdacht leben und womöglich noch einsame Weiden in Waldnähe besitzen.
Wurmkuren müssen mit dem Fohlen mindestens vier bis sechs Mal im Jahr gemacht werden, um der Verwurmung vorzubeugen, die ein Fohlen in seiner körperlichen Entwicklung zurückwirft oder sie schwer krank machen kann.
Dem Hufschmied sollten Sie Ihr Fohlen ebenfalls in den ersten Monaten schon mal vorstellen. In diesem Alter sind leichte Fehlstellungen der Gliedmaßen noch gut zu beheben, wenn ein erfahrener Schmied die Hufe berundet. Außerdem ist es gut für die Erziehung, wenn es schon in jungen Jahren mal die Hufe hergeben muss.

Zuchtziele

Gesundheit
Selbstverständlich legen Sie Wert auf ein Fohlen mit kräftigen Beinen, tragfähigem Rücken, gesundem Herz-Kreislauf-System und ohne Ekzem. Das können Sie nur erreichen, wenn Vater und Mutter die besten Voraussetzungen dafür mitbringen. Wenn die Stute schon immer anfällig für Atemwegserkrankungen war, oder der Hengst wegen häufiger Sehnenprobleme aus dem Sport genommen wurde, sind das nicht gerade die besten Vorbedingungen. Auch wenn die meisten Krankheiten nicht direkt vererbt werden, so besteht bei den Nachkommen oft eine genetische Disposition, die sich bei entsprechender Belastung sehr schnell als Schwachpunkt herausstellt.

Korrektheit
Der Rassestandard gibt Auskunft über Größe, Gebäude, Farbe und Eigenschaften, die ein Islandpferd haben soll. Züchten Sie nur mit geprüften Elterntieren, die vom Verband begutachtet und bewertet wurden.
Glauben Sie nicht, einen Fehler im Gebäude der Stute mit einem im gleichen Bereich korrekten Hengst ausgleichen zu können nach dem Motto minus x plus = plus. Ganz im Gegenteil lautet die Formel: plus x plus = vielleicht plus, vielleicht minus. Womöglich haben Sie am Ende ein Fohlen, das den weichen Rücken der Mutter und die Kuhhessigkeit des Vaters in sich vereinigt.
Wäre Züchten einfacher, gäbe es nur Supertiere.

Charakter
Es vereinfacht den Umgang in der Aufzucht und das Anreiten ungemein, wenn Sie darauf achten, ein Pferd zu züchten, das menschenfreundlich, gutmütig, nervenstark und leistungsbereit ist. Wenn Ihre Stute ein bisschen faul ist, sollten Sie nicht den hochtemperamentvollen Hengst auswählen. Das funktioniert genau so wenig wie oben bei den Gebäudemerkmalen – falls das Fohlen das Temperament des Vaters und die Faulheit der Mutter erbt, haben Sie hinterher ein stures, heftiges Pferd, das Schwierigkeiten beim Anreiten macht und weder im Gelände noch im Turniersport wirklich ideal ist. Achten Sie in so einem Fall ganz besonders darauf, dass der Hengst in allen Charakternoten über Durchschnitt ist, damit haben Sie die größere Chance – und wirklich nur die Chance! – ein umgängliches Fohlen zu züchten.
Charakterprobleme können auch menschengemacht sein, falls es dem Züchter an Sachverstand mangelt. Solche Dinge vererben sich natürlich nicht, aber das Fohlen eignet sich so manche Verhaltensweise durch Nachahmung an. Wenn die Mutter z.B. immer mit angelegten Ohren auf den Menschen zugeht, könnte das vom Fohlen als normal empfunden und imitiert werden.

Farbe
Ein gutes Pferd hat keine Farbe, das ist ein alter Züchterspruch. Schließlich reiten Sie nicht auf der Farbe sondern auf kräftigen Beinen und gesundem Rücken. Wenn der Hengst vom Charakter her gut zu Ihrer Stute passt, ist das wichtiger, als ob er Ihre Lieblingsfarbe hat. Außerdem ist es jederzeit möglich – siehe Vererbungslehre – dass ein andersfarbiger Urgroßvater durchschlägt und das Fohlen doch „fehlfarben“ wird. Auf jeden Fall sollte unter den Auswahlkriterien die Fellfarbe den geringsten Stellenwert haben, während Gebäude, Charakter und Gänge vorrangig sind.
Trotzdem habe natürlich auch ich sehr wohl meine Vorlieben: Rappen und Braune ziehe ich jedem Schimmel vor, und Füchse finde ich etwas öde.

Voraussetzungen bei der Stute

Sie ist wohlgenährt, aber nicht dick. Fette Stuten nehmen erfahrungsgemäß schlechter auf als normal oder etwas knapp ernährte.

Sie ist gesund. Schließen Sie Krankheiten aus, die vererbbar sein könnten (z.B. Spat), solche, die das Fohlen im Mutterleib gefährden könnten (z.B. Herzkrankheiten) und solche, die eine Trächtigkeit für die Stute zur Qual werden lassen (z.B. extremer Senkrücken). Sprechen Sie in Zweifelsfällen mit Ihrem Tierarzt.

Ihr Charakter ist einwandfrei. Natürlich darf sie ihre kleinen Eigenheiten haben, aber sie sollte dem Menschen nicht nach dem Leben trachten sondern nervenstark, gehfreudig und willig sein.

Sie ist materialgeprüft. Aufgrund der fachkundigen Beurteilung durch Zuchtrichter wissen Sie, wie Ihre Stute eingestuft wird und wo sie im Vergleich mit anderen Stuten steht. Auch für die Wahl des richtigen Hengstes sind die Noten einer Materialprüfung der Stute eine große Hilfe.

Lassen Sie eine Tupferprobe machen. Der Tierarzt entnimmt einen Abstrich vom Muttermund der Stute und lässt ihn im Labor auf Keime untersuchen. Ohne Tupferprobe können solche Bakterien durch den Hengst auf andere Stuten übertragen werden. Praktische alle Hengsthalter verlangen diese Untersuchung, bevor sie eine Stute zum Decken zulassen.

Übrigens zeigen keimtragende Stuten keinerlei Krankheitssymptome und die Behandlung ist problem- und risikolos und fast immer erfolgreich.

 Die Suche nach dem passenden Hengst

Natürlich sollte er genau so gesund und charakterlich einwandfrei sein wie die Stute. Er muss unbedingt materialgeprüft sein, nur so können Sie beurteilen, was in ihm steckt und was er Ihrem Fohlen vielleicht vererben kann. Studieren Sie die Materialnoten der Stute und des Hengstes, vergleichen Sie und verlieren Sie Ihr Ziel nicht aus den Augen. Wenn die Rennpassnoten auch noch so überwältigend sind, Sie aber ein leicht zu töltendes Anfängerpferd züchten wollen, sollten Sie mehr auf Tölt- und Charakternoten, sowie die Leichtrittigkeit achten. Lassen Sie sich den Hengst vorführen und vorreiten, fragen Sie nach sportlichen Erfolgen und Umgänglichkeit mit anderen Pferden und unter dem Sattel.

Selbstverständlich gehört auch der Hengst einer Tupferprobe unterzogen, um Ansteckung der Stuten von vornherein auszuschließen. Als Stutenbesitzer haben Sie das Recht (und eigentlich die Pflicht), den Laborbericht einzusehen.

Decken in der Herde
Diese Methode wird in der Islandpferdeszene häufig angewandt, weil die Deckquote dabei am höchsten ist (80 bis 90 %). Meist stellt der Hengsthalter eine Stutenherde von fünf bis fünfzehn Tieren auf einer möglichst großen Weide zusammen und lässt nach ein paar Tagen – wenn sie sich zusammengerauft haben – den Hengst dazu. Der Hengst findet aufgrund seiner Instinkte heraus, welche Stute rossig ist und deckt mehrmals zu den günstigsten Momenten. Da die Herde vier bis sechs Wochen zusammenbleibt, fällt auf jeden Fall eine weitere Rosse in diese Zeit, und der Hengst kann nochmals decken, wenn die Stute beim ersten Versuch nicht aufgenommen hat. Der genaue Tag der Bedeckung ist natürlich bei dieser Form nicht bekannt, was ein Manko sein kann. Ein weiterer Nachteil ist das Verletzungsrisiko, denn natürlich muss unter den Stuten erst mal die Rangordnung festgelegt werden, und auch der Hengst kann durch aggressive Stuten verletzt werden. Manche Hengsthalter lassen täglich die Deckstuten einzeln mit dem Hengst zusammen unter Beobachtung freilaufen, um einerseits den Deckakt zu kontrollieren und andererseits die Verletzungsgefahr zu vermindern.
Meist wird vor Abholung der Stute durch eine Ultraschalluntersuchung geklärt, ob eine Trächtigkeit besteht oder nicht. Diese ist relativ zuverlässig, aber natürlich keine Garantie für ein gesundes Fohlen, da die Stute immer noch in einem frühen Stadium der Trächtigkeit resorbieren oder später verfohlen kann.

Decken an der Hand
Diese Methode ist in der Warmblutzucht sehr gebräuchlich, bei Islandpferden wird sie dagegen eher selten verwendet.
Durch Follikeluntersuchung wird der günstigste Zeitpunkt für die Bedeckung ermittelt, bevor die Stute ausgebunden oder in einen Deckstand gebracht wird, der den Hengst vor eventuellem Ausschlagen der Stute schützt. Dann wird der Hengst an der Hand zu der Stute geführt und deckt. Dieser Vorgang wird ein paar Mal wiederholt, bis die Rosse abklingt. Zwar ist diese Methode ohne Verletzungsrisiko für die Pferde, aber die Deckquote liegt nur bei 60 bis 70 %.

Besamen
Diese Methode wird immer gebräuchlicher, sowohl mit Frischsamen als auch mit Tiefkühlsperma, besonders für sehr gefragte Hengste oder um weite Transporte der Stuten, womöglich noch mit neugeborenem Fohlen bei Fuß, zu vermeiden. Sie wird von speziell geschulten Fachtierärzten vorgenommen. Hier ist die Deckquote noch niedriger, bei Tiefkühlsperma nur etwa 30 bis 50 %.

Embryotransfer
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es auch diese Möglichkeit gibt, nämlich den Embryo einer sehr wertvollen Anpaarung in eine gute Mutterstute zu verpflanzen, die das Fohlen dann austrägt. Auf diese Weise kann die Zuchtstute nochmals gedeckt werden und es werden im selben Jahr mehrere Fohlen dieser Anpaarung geboren. In der Hobbyzucht spielt diese Methode natürlich keine Rolle.

In jedem Fall müssen Sie den Deckschein Ihrer Stute, den Sie von Ihrem Zuchtverband bekommen, vom Hengsthalter ausfüllen und unterschreiben lassen.


Die Trächtigkeit

Gratuliere! Ihre Stute hat aufgenommen. Das beweist das Ultraschallbild bzw. die Untersuchung durch den Tierarzt. Nun heißt es warten. Die Trächtigkeit dauert elf Monate.
Bedenken Sie, Ihre Stute ist nicht krank, also behandeln Sie sie nicht so. Es reicht, wenn Sie für angepasste Ernährung mit genügend Mineralstoffen und Spurenelementen sorgen. Koppel- und Weidegang sind gut als Schwangerschaftsgymnastik, und reiten Sie das Pensum, das Ihr Pferd gewohnt ist.
Im ersten halben Jahre der Trächtigkeit habe ich meine tragenden Stuten immer ganz normal geritten, auch schon mal auf Turnieren und mehrtägigen Wanderritten, wenn sie entsprechend konditioniert waren. Manchmal habe ich fast vergessen, dass sie tragend sind, was die lange Wartezeit erheblich erträglicher machte. Im Spätherbst und Winter habe ich die Anforderungen nach und nach reduziert. Wenn der Bauch dicker wird, merkt man manchen Stuten doch eine gewisse Kurzartmigkeit an. Im Frühling bin ich dann nur noch ganz gemütlich geritten oder habe sie bis etwas vier Wochen vor dem Geburtstermin als Handpferd mitgenommen.

Inzwischen ist die Trächtigkeit Ihrer Stute nicht mehr zu übersehen, und der errechnete Termin rückt näher. Etwa sechs Wochen vor der Geburt fängt das Euter an zu wachsen und füllt sich nach und nach mit Milch. (Vermutlich sind Sie schon ganz krumm, weil sie ständig nach dem Euter gucken.) Ein untrügliches Anzeichen einer baldigen Geburt sind die Harztröpfchen, die sich an den Zitzen bilden. Ab jetzt können Sie die Videokamera bereithalten und Stallwache schieben, wenn Sie live dabei sein wollen.

Das Fohlen ist da

Viele Stuten nutzen genau die Viertelstunde, wo Sie einnicken oder einen Kaffee holen, um das Fohlen zur Welt zu bringen. Ausgetrickst – nix mit Viedofilm von der Geburt, dem ersten Aufstehen, der tollpatschigen Suche nach der Milchquelle. Sie gehen als Filmregisseur leer aus und werden darüber hinwegkommen.

In Ruhe lassen
Mutter und Kind können jetzt nichts weniger gebrauchen als eine Schar enthusiastischer Zweibeiner, die sie umsorgen möchten. Ein kompetenter Helfer, falls es Probleme gibt, ist mehr als genug. Die anderen dürfen aus respektvoller Entfernung beobachten, wie das Fohlen auf wackligen Beinen das Euter findet, gierig trinkt – die erste Milch, die Kolostralmilch, ist besonders wichtig – und danach erschöpft ins Stroh fällt. Anschließend können sie sich draußen an der aufgeregten Diskussion beteiligen, wer denn gesehen hat, ob es ein kleiner Hengst oder ein Stütchen ist.

Nachgeburt
Innerhalb einer bis drei Stunden sollte die Nachgeburt abgehen. Das ist wichtig, damit es nicht zu einer Geburtsrehe-Erkrankung kommt. Der Tierarzt wird die Nachgeburt sehen wollen.

Impfen, Aufbaumittel
Normalerweise werden Fohlen am ersten Lebenstag gegen Fohlenlähme geimpft. Ob die gleichzeitig verabreichte Aufbauspritze wirklich nötig ist, bezweifle ich, aber wer wird schon nach einer glücklichen Fohlengeburt nicht allen Empfehlungen des Tierarztes folgen?

Darmpech
Der Dickdarm des Fohlens ist während der Trächtigkeit mit einer zähen Masse verschlossen. In den ersten Lebenstagen muss sich dieses Darmpech lösen (wesentlich beeinflusst von der Kolostralmilch). Um einen reibungslosen Stuhlgang zu ermöglichen. Wenn Sie beobachten, dass das Fohlen häufig presst, ohne Kot abzusetzen, müssen Sie dringend den Tierarzt verständigen.

Bewegung
Vom ersten Tag an sollte das Fohlen Gelegenheit haben, sich im Freien und wenn möglich in der Herde aufzuhalten. Es wird es Ihnen durch Gesundheit und Umgänglichkeit danken.

Registrierung und Brennen
Da Sie als verantwortungsvoller Züchter selbstverständlich nur mit geprüften Tieren züchten, fällt auch die Registrierung und das Brennen Ihres Fohlens an. Als Erstes tragen Sie in den vom Hengsthalter unterschriebenen Deckschein Geburtstag und Geschlecht des neugeborenen Fohlens ein. Einer der Durchschläge dient als Geburtsmeldung, die Sie nun an den Zuchtverband schicken müssen.
Der Pferdeerzeugerring führt das Brennen der Fohlen an verschiedenen Orten durch, wo Sie mit Mutter und Kind hinfahren können, oder nach Vereinbarung auf Ihrem Hof. Es empfiehlt sich sehr, zentrale Fohlenbrenntermine zu besuchen, da man dort erstens Gleichgesinnte trifft, zweitens realistische Vergleich anstellen kann und drittens eine Beurteilung durch Materialrichter stattfindet – eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte, um mehr Realitätsblick zu kriegen. Denn natürlich ist in Ihren Augen Ihr Fohlen das schönste und beste überhaupt, aber andere Mütter haben auch schöne Kinder ...
Auf Grund der Registrierung beim Brennen erhalten Sie dann die Papiere für das Fohlen, die Eigentumsurkunde und einen so genannten Equidenpass.
Diese sind vergleichbar mit Kfz-Brief (der immer zu Hause in der Urkundenmappe bleibt) und dem Kfz-Schein: Er muss bei jedem Transport dabei sein, in ihm werden Impfungen eingetragen und verwendete Medikamente registriert. Ach ja, und Sie müssen sich entscheiden, ob Sie Ihr Pferd irgendwann einmal schlachten lassen wollen (eingeschränkte Medikamentenwahl, Einhaltung von Wartezeiten) oder nicht (freie Medikamentenwahl, keine Wartezeiten).

Absetzen
Die Weidesaison ist für alle Pferde beendet. Das Fohlen ist mindestens ein halbes Jahr alt, die Mutter ist inzwischen etwas ausgezehrt, vielleicht zu dünn und ein bisschen mitgenommen. Es ist Zeit, das Fohlen abzusetzen. Ein heikles Kapitel in der Aufzucht, das vielen Züchtern Kopfzerbrechen bereitet.

Reden wir zuerst von den Voraussetzungen:

•  Das Fohlen ist sechs bis neun Monate alt, rund und wohlgenährt, gesund und frisst bereits Heu und Kraftfutter

•  Sie haben die Mutterstute öfters kurzzeitig, vielleicht zum Reiten, aus der Gruppe genommen, das Fohlen ist also bereits an stundenweise Abwesenheit der Mutter gewöhnt

•  Die Kraftfutterration der Mutterstute, auch wenn sie etwas ausgezehrt und dünn ist, wird in der Woche vor dem Absetzen nach und nach auf Null herunter gefahren

•  Sie haben zwei Ställe plus Paddocks zur Verfügung, die möglichst außer Sicht- und Rufweite der Pferde sind

•  Alle Zäune/Boxenwände/Tore sind hoch genug, sicher, dicht, der Elektrozaun funktioniert

Und nun zu den Methoden des Absetzens:

Das radikale Absetzen
Das Fohlen bleibt in seiner vertrauten Umgebung und Herde, die Mutter wird in den anderen Stall gebracht. Das bedeutet wenig bis gar keinen Stress für das Fohlen. Im Idealfall füttern Sie Heu ad libitum und ein spezielles Kraftfutter für Absetzer, um den Übergang zwischen Muttermilch und normaler Heu/Kraftfutter-Ration so schonend wie möglich zu machen.
Bei der Stute schwillt das Euter an, das ist unangenehm bis schmerzhaft und wird sie unruhig machen und zu häufigem Wiehern veranlassen. Gelegentliches Abmelken bringt der Stute Erleichterung, aber es verzögert auch das Zurückgehen der Milchproduktion. In seltenen Fällen kann eine Euterentzündung entstehen, die tierärztlich behandelt werden muss.
Die Trennung muss mindestens 6 – 8 Wochen dauern, da beim verfrühten Zusammenbringen das Fohlen sofort wieder saugen wird und dadurch die Milchproduktion wieder in Gang kommt.

Das stufenweise Absetzen
Auch hier wird die Mutter aus der Herde genommen, während das Fohlen in der Gruppe bleibt. Am ersten Tag lässt man die Mutter fünf- bis sechsmal für zehn Minuten zum Fohlen, damit es trinken kann. In Intervallen von zwei bis drei Tagen wird die Häufigkeit des Trinkens stufenweise reduziert, sodass es nach etwa zwei Wochen endgültig abgesetzt ist.

Weitere Methoden wie Stachel-Nasenband für das Fohlen, Einreiben des Euters mit unangenehm riechenden und schmeckenden Mitteln sind meiner Meinung nach ungeeignet, um ein Fohlen abzusetzen. Eine Stute, die ein schmerzhaft pralles Euter hat, wird auch das Fohlen mit Stachelnasenband irgendwann trinken lassen. Ganz abgesehen davon, dass die Verletzungsgefahr für ein Fohlen mit so einem Instrument am Kopf relativ groß ist. Ein Fohlen das Hunger und Durst hat, wird sich nur kurzzeitig von einem bitteren Geschmack abhalten lassen, sich am Euter zu bedienen. Und nach einigen Schlucken ist der unangenehme Geschmack ohnehin weggelutscht.

Aufwachsen
Jedes Jungtier muss die Gelegenheit haben, mit ungefähr gleichaltrigen aufzuwachsen. Sie bieten Anreiz zu Lauf- und Kampfspielen, sie ermöglichen das Einüben der Rangordnung, Freundschaften werden gebildet und Respekt gelernt. Im Idealfall gibt es in einer Jungpferdeherde einen respektgebietenden, freundlichen Senior, der auch den ranghöheren unter den Youngstern Zucht und Ordnung beibringt.
Da die wenigsten kleinen Züchter das ihren Fohlen bieten können, werden Sie sich für ein paar Jahre von Ihrem Liebling trennen müssen. Das hat – vorausgesetzt er ist wirklich gut untergebracht – nur Vorteile für ihn. Die Kosten sind natürlich etwas höher, als wenn er bei Ihnen zu Hause „mitläuft“, aber dafür entwickelt er sich besser und sie müssen sich nicht immer zurückhalten, ihn täglich zu streicheln, aus der Hand zu füttern oder sonstwie zu betüddeln.
Die andere Alternative ist die Aufnahme von einigen Jungpferden zum eigenen Fohlen dazu – aber nur für Züchter mit viel Selbstdisziplin, Zeit und Platz. Allerdings übernehmen Sie eine große Verantwortung und müssen viel Arbeit investieren.
Und denken Sie daran: nicht jedes Jungpferd ist so lieb wie Ihres.

Aufregungen und Überraschungen
Wenn Sie Fohlen oder Jungpferde haben, egal wie alt und wie viele, rechnen Sie mit ganz besonderen Erlebnissen und Erfahrungen. Erfahrungen, die vor allem Zeit kosten werden, manchmal auch Geld und leider auch wirklich gefährlich sind.
Eines Morgens könnten Sie ihr Fohlen in der Heuraufe vorfinden, wo normalerweise nur die Pferdeköpfe Platz haben. Wie bringen Sie das Pferdekind nun wieder auf die richtige Seite des Fressgitters? Das dauert, vielleicht müssen Sie Hilfe beim Nachbarn holen oder warten, bis Ihr Mann aus dem Bad kommt. Auf jeden Fall werden Sie zu spät ins Geschäft kommen.
Oder es kommt ein Anruf aus dem Nachbardorf, dass drei „kleine Pferde“ gesichtet wurden, die nur Ihre sein können. Tatsächlich, die Herbstweide war wohl nicht mehr ergiebig genug, der Elektrozaun vielleicht nicht hundert Prozent funktionstüchtig, und schon haben sich die Jungpferde aus dem Staub gemacht. Zum Glück mussten Sie keine Straßen überqueren, aber wie bringen Sie nun drei übermütige, nicht halfterführige Jährlinge die drei Kilometer zur Weide zurück? Und was machen Sie derweil mit Ihrem eigenen Nachwuchs, der auch noch nicht flügge ist?
Rechnen Sie auch mit häufigen Reparaturarbeiten in den ersten Monaten. Riegel, Kabelschächte, Tränken und Futterschüsseln, die seit Jahren beste Dienste leisten, werden von den Jungen gnadenlos getestet und Sie tun gut daran, die ersten Wochen in einem neuen Stall immer wieder alles zu überprüfen, wenn Sie die Kleinen sicher und verletzungsfrei halten möchten.
Impfungen, Wurmkuren und Hufschmiedetermine, normalerweise kein Problem, werden plötzlich zu Stressfaktoren, weil sie zeitlich und personell nicht mehr kalkulierbar sind. Normalerweise beschlägt Ihr Schmied ein Pferd in einer Stunde rundum neu, für das Ausschneiden der vier lächerlichen Hüfchen des zappelnden Absetzers brauchen Sie zu viert – einer am Kopf zum Beruhigen, einer zum Aufhalten, einer an der Kruppe gegen das Umfallen und der Schmied - fast genau so lang. Ging die erste Impfung noch völlig problemlos vonstatten, so ließ sich die Kleine angesichts des Tierarztes für die Wiederholungsimpfung nicht einmal einfangen.

Bieten Sie mehr!

 Alles bisher Beschriebene ist das, was Ihr Fohlen auf jeden Fall braucht. Zu einer wirklich guten Aufzucht gehört jedoch viel mehr.

Weideflächen
Dass sie weitläufig sein müssen, sagte ich bereits. Hügeliges Gelände ist ideal für die Entwicklung von Muskulatur. Unebenheiten schulen die Aufmerksamkeit und kräftigen den Bänderapparat. Verschiedene Untergründe – von Wiesen- und Waldboden bis zu Sand und Schotterflächen – härten die Hufe ab und regen gleichzeitig das Hornwachstum an.
Bei so unterschiedlichen Bodenverhältnissen gedeihen auch verschiedene Gräser und Kräuter, sodass die Jungpferde nach Bedarf das Futter suchen, das sie brauchen.

Gleichaltrige
Ein Fohlen mit einer kleinen Gruppe älterer Pferde aufwachsen zu lassen, ist nicht ideal. Keine der alten Stuten hat Lust auf Spielen, Raufen, Toben. Auch viele Wallache sind eher mürrisch und weisen den übermütigen Kleinen ab. Zwar gibt es Wallache, die auch im Alter von 15 bis 20 Jahren noch gern rangeln, aber dem Spieltrieb eine Dreijährigen entspricht das doch nicht.
Ein Fohlen allein aufzuziehen ist unverantwortlich, und es nur mit der Mutter zusammen zu lassen, ist das Dümmste, was man machen kann. Erstens entwickelt es sich körperlich langsamer und weniger kräftig, weil niemand mit ihm spielt. Zweitens schließt es sich so eng an die Mutter an, dass eine spätere Trennung (Ausbildung, Kurse, Veranstaltungen) schwierig bis unmöglich sind. (Ich kenne Geschichten, wo die Stute von ihrem vierjährigen Sohn nicht mal außer Sichtweite um die Stallecke geführt werden kann, ohne dass er alles kurz und klein zu schlagen droht.) Drittens hat es viel zu viel mit Menschen zu tun, sie sind eine der wenigen Abwechslungen in seinem langweiligen Alltag.
Außerdem haben Jungpferde bei ihren Müttern immer eine gewisse Narrenfreiheit (und besonderen Schutz), was sie nicht wirklich zu sozialen Verhaltensweisen befähigt, wenn sie irgendwann mit anderen oder mehreren Pferden umgehen sollen.
Also geben Sie Ihrem Fohlen, für das Sie ja das Beste wollen, Gelegenheit, sich in einer Fohlen- bzw. Jungpferdeherde auszutoben, gesund und artgerecht groß und kräftig zu werden und sich die natürlichen Verhaltensweisen eines herdengewohnten Pferdes anzueignen.
Das Absetzen ist der früheste Zeitpunkt des Eingliederns in eine Fohlengruppe. Das ist besonders für die Fohlen wichtig, die bisher nur mit ihrer Mutter zusammen waren. Allerdings sollte es sich dann möglichst um eine nicht zu große Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Absetzern handeln, nicht um zwanzigköpfige Herde Ein- bis Fünfjähriger. Ein schüchternes, herdenungewohntes Fohlen könnte durch das oft rüpelhafte Benehmen der älteren Jungpferde total verschreckt oder auch ziemlich niedergemacht werden.
Für einen Hobbyzüchter vereinfacht es das Absetzen, wenn das Fohlen kurz nach der Trennung von der Mutter in eine Herde kann. Der Spätherbst ist andererseits nicht der ideale Zeitpunkt, weil auch viele Jungepferdeherden dann von den Weiden in Paddocks übersiedelt sind und das Platzangebot für die Austragung von Rangstreitigkeiten nicht so groß ist wie auf den Weiden. Außerdem ist die Fütterung im ersten Winter maßgeblich an der Endgröße beteiligt; sollte Ihr Fohlen dann zu den Rangniedrigsten gehören, bekommt es vielleicht nicht genug Futter.
Sollten Sie aus diesen Gründen das Fohlen im ersten Winter noch selber versorgen, so empfehle ich Ihnen, sich sehr distanziert zu verhalten. Es erlebt sie ohnehin nur in Ihrer Funktion als Tischlein-deck-dich und Bettenmacher, der ihm das Leben schön zu machen hat. Warum sollte es Respekt vor Ihnen haben? Halten Sie das Fohlen auf Abstand, wenn nötig mit Gerte, schmusen sie nicht mit ihm, fassen Sie es nicht dauernd an und lassen Sie sich schon gar nicht von ihm anrempeln und beknabbern, wenn Sie keinen dreisten Absetzer, der mit jeder Woche zudringlicher und frecher wird, haben wollen.
Früh im nächsten Jahr gewöhnen Sie den Jährling langsam an junges Gras, sodass Sie ihn ab Mai unbesorgt in eine gut betreute Herde entlassen können.

Winter
Auch in der vegetationslosen Jahreszeit sollte Ihr Fohlen viel Platz zum Spielen mit Gleichaltrigen haben. Eine Unterbringung auf einem Hof, wo den Jungpferden großflächige Winterweiden ebenso zur Verfügung stehen wie ein geräumiger Offenstall mit gutem Heu und frostsicheren Tränken, ist ideal. Aber auch die Unterbringung in einem geräumigen Paddock mit Offenstall mit einer Gruppe Jungpferde ist allemal besser als die schönste Winterweide mit einem faden Senior als einzigem Kumpel.

Einstellen von Jungpferden
Das kann ich Ihnen nur empfehlen, wenn Sie schon Erfahrung mit Fohlen und Jungpferden haben. Sie übernehmen die Verantwortung nicht nur für Ihre eigenen Tiere sondern auch die von Fremden – und die haben vielleicht andere Ansprüche oder Erwartungen als Sie. Daneben brauchen Sie die räumlichen Voraussetzungen ebenso wie reichlich Zeit, um dem Auftrag gerecht zu werden. Und zur Tierhalterhaftpflicht sollten Sie auf jeden Fall auch eine Tierhüterhaftpflicht abschließen.

Anpassung an veränderte Situationen
Ein Zeitsprung von vier oder fünf Jahren, aus dem Fohlen ist ein Reitpferd geworden. Was ist, wenn das Pferd zu schwierig, zu faul oder zu temperamentvoll ist? Oder sich aus anderen Gründen nicht für Ihre Zwecke eignet? Oder Ihre Interessenslage sich ändert? Ihr Pferd wird nicht automatisch zum Sportpferd, nur weil Sie inzwischen vom Geländereiten genug haben – und umgekehrt. Können Sie dem Rechnung tragen, dass Ihr Pferd anders ist als Sie es haben wollen und es seinen Fähigkeiten entsprechend behandeln? Vielleicht müssen Sie verschiedene Reitweisen ausprobieren, bis Sie mit Ihrem Pferd zurecht kommen. Oder Sie brauchen eine Reitbeteiligung, weil Sie zwei Pferde nicht auslasten können und Ihre Jungs lieber Fussball spielen. Oder .. oder ... oder ...

Und was ist, wenn Sie keine praktikable Lösung finden? Sind Sie bereit, das mit so viel Hoffnung aufgezogene Fohlen zu verkaufen?

Ich bin überzeugt, es gibt für jedes Pferd den richtigen Reiter und für jeden Reiter das richtige Pferd. Ich gehöre bestimmt nicht zu denen, die die Pferde wechseln wie das Hemd, aber ich plädiere sehr dafür, sich von einem Pferd zu trennen, mit dem man trotz mehrerer ernsthafter Anläufe nicht glücklich wird. Vermutlich ist das Pferd auch nicht zufriedener als sein Reiter, weil es Dinge machen muss, die seinem Temperament oder seinen Möglichkeiten zuwider laufen.

Und ehrlich: Wenn nie jemand ein Pferd verkaufen würde, hätten Sie und ich auch keines, nicht?



Mehr von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin finden Sie in ihrem Buch: "Ein Hobby mit Konsequenzen", Tierbuchverlag Irene Hohe.

Zur Fleygur-Webseite von Margit Heumann gehts hier: zur Fleygur Webseite von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen", Tierbuchverlag Irene Hohe.

 

 

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