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Interview "Hof des Monats November 2009" mit Kerstin und Mattes Bender
vom Islandpferdehof Niederrhein - 47509 Rheurdt

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Hjartanlega velkomin - Herzlich willkommen

Wenn wir ehrlich sind, sprechen wir kaum Isländisch. Und doch verstehen wir bestens, was unsere Tiere brauchen.

Wir führen unseren Hof nachhaltig, um Reitern und Reitschülern möglichst attraktive Bedingungen bieten zu können.

Wir, das sind Kerstin Seifert, Dipl.-Ing. Agrar Pferdewirtin und Mattes Bender, Landwirt.

Besuchen Sie uns auf unserem Islandpferdehof Niederrhein- wir freuen uns auf Sie!

 

 

Bild: Kerstin und Mattes Bender

 

 

 

Fleygur: "Kerstin und Mattes, woher kennt Ihr Euch und seit wann gibt es den Islandpferdehof Niederrhein?"

Kerstin: "Kennengelernt haben wir uns auf einem Konzert der "Kellerkinder". Mattes spielte in der Band Gitarre und meine Schwester war mit dem Sänger zusammen, übrigens heute verheiratet. Aber Reiten führte uns zusammen! Richtig verliebt und kennengelernt haben wir uns an einem romantischen Strandritt in Holland (Zeeland) am Meer, im August 1995."

Mattes: "Kurz danach nahm Sie mich mit auf den Hinkelsberghof ins Saarland. Dort bin ich auch zum ersten Mal einen Isländer geritten. Kerstin war zu der Zeit noch in der Ausbildung zur Pferdewirtin auf dem Wiesenhof in Moers. Nachdem wir damals die erste Urlaubsvertretung für Karen und Konrad auf dem Hinkelsberghof machten, war uns eigentlich klar, dass wir auch mal so was machen werden. Bis dahin ging aber noch viel Zeit ins Land und Kerstin studierte erstmal Agrarwissenschaften in Bonn und ich machte dann mein Hobby zum Beruf und arbeitete auf Islandpferdehöfen.
Den Islandpferdehof - Niederrhein betreiben wir jetzt seit Mai 2004. Wir haben intensiv nach einem Hof gesucht, der direkt an einem herrlichen Ausreitgebiet liegt. Hier am Vluyner Busch sind unsere Erwartungen jedoch noch mal stark übertroffen worden. Dafür mussten und müssen wir aber aus dem über hundert Jahre alten Bauernhof einen artgerechten Pferdestall bauen. Hierbei halfen uns auch Kerstin´s Berufserfahrungen und die vielen Stallbauseminare, die sie im Studium besuchte. Außerdem wollen es auch die Reiter gern gemütlich haben. Ich bin halt gerne Handwerker. Nach und nach wird alles fertig. Jetzt im November zum Beispiel sind wir schon manchmal froh, endlich eine Reithalle zu haben, aber ohne geht es auch. Reiten ist draußen!"

Fleygur: "Kerstin Du bist Dipl.-Ing. Agrar Pferdewirtin und hast Dich schon im Studium schwerpunktmäßig mit dem Thema "Pferdefütterung" beschäftigt. Heute bietest Du Pferdehaltern auch Futterfachberatung an. Was sind typische Fragen, mit denen Islandpferdebesitzer sich an Dich wenden und wie kannst Du ihnen dann helfen?"

Kerstin: "Die meisten Pferdebesitzer bitten mich um Rat beim Thema "Kraftfutter". Bei vielen Islandpferden, die wenig geritten werden, braucht man nicht unbedingt Kraftfutter. Viel wichtiger ist ausreichende Versorgung mit Mineralien und Vitaminen. Da sind es oft nur 200-300 Gramm am Tag und alles ist drin. Viele Pferdebesitzer sehen dann oft eine zu kleine Portion. Beim Beantworten der Fragen und Erläutern des Futterplans, merke ich oft, dass das Basiswissen zur Verdauung des Pferdes fehlt. Alle Pferdebesitzer wollen nur das Beste für ihr Pferd. Leider werden dabei ihre menschlichen Bedürfnisse auf die Pferde übertragen. Ein kleines Beispiel: Nach einem langen schönen Ausritt kehren Reiter und Pferd zum Stall zurück. Der Reiter hat großen Hunger und will nach Hause. Schnell wird das Pferd nachversorgt und bekommt dabei natürlich eine große Portion Kraftfutter! Alle meinen es gut, aber sie helfen ihrem Pferd nicht immer. Wir versuchen, dass auch unsere jüngsten Reitschüler wissen, dass ein Pferd sein Kraftfutter "in Ruhe" fressen soll, dass heißt mindestens ein bis zwei Stunden vor und nach dem Reiten.
Mein Tipp: Basiswissen zur Pferdeverdauung aneignen. Es gibt gute Bücher."

Fleygur: "Stichwort "Zucht". Mattes Du hast auf mehreren Gestüten reichlich Erfahrung sammeln können. Züchten ist ja eine "Wissenschaft für sich" und wirklich in das Thema einzusteigen, würde den Rahmen unser Interviews sprengen. Wenn Du uns aber vielleicht an einer persönlichen Erkenntnis, die Dich als Züchter heute stark beeinflusst, ein Stück weit an Deinem Erfahrungsschatz teilhaben lassen kannst, welche wäre diese?"

Mattes: "Soviel Erfahrung konnte ich als Züchter bisher auch wieder nicht sammeln. Auf dem Hinkelsberghof sah ich 10 Jahrgänge groß werden, bevor die ersten eigenen Zuchtergebnisse im Mai 2006 hier am Niederrhein auf die Welt kamen. Wichtig und immer richtig ist aber auch, dass man sich natürlich auch mit dem wissenschaftlichen Teil der Zucht beschäftigt. Viele Abende habe ich mit vielen Texten und Grafiken der Vererbungslehre verbracht und gekämpft. Da ist es natürlich super, mit Kerstin eine Frau zu haben, die fast alles über die Regeln und Gesetzte der Vererbung weiß und auch erklären kann. Sehr viel gelernt habe ich auch in der Zeit als ich auf dem Grenzlandhof bei Claus Becker, der Jahre lang Bundeszuchtwart beim IPZV war, gewohnt und gearbeitet habe. Mir ist dort direkt aufgefallen, dass er sehr auf Charakter und Leichtrittigkeit bei seiner Zucht achtete. Bei vielen schönen Erzählungen von seinem 6000 Meilen Ritt durch Amerika merkte ich, dass ich nicht der Einzige bin, der noch Pferde einfach zum Reiten von A nach B züchten will. Also zum Ursprung der Reiterei. Dort ist mir auch die Erkenntnis, dass viele Pferde am Markt und damit am Reiter vorbei gezüchtet werden, gekommen.
Wir versuchen nun den charakterstarken, ausdauernden, leichtrittigen Isländer der auch noch gut aussieht und locker töltet, zu züchten. Natürlich machen die auch auf dem Reitplatz oder einem Turnier eine gute Figur. Uns kommt es nicht unbedingt auf ein hochweites Gangwerk an, was Pferd und Reiter nur beim Sportreiten weiterhilft und natürlich auch gut aussieht und Spaß macht. Beim Wanderreiten wirkt es sich eher negativ aus. Deswegen halte ich auch die Beurteilungen von Jungpferden beim IPZV für wenig aussagekräftig, da dort oft die Pferde aus den Augen eines Turnierrichters oder Reiters für Sportreiten beobachtet und beurteilt werden. Außerdem werden hier Zwei und Dreijährige beschlagen vorgestellt.
Aus meiner Erfahrung kann ich nur jedem empfehlen: die Stute ist wichtiger als der Hengst. Vor der Zucht Vater und Mutter auf der Wiese und im Stall lange beobachten und am besten beide selber reiten."

Fleygur: "Du bist ja auch im Besitz des Goldenen Tölters (IPZV). Erkläre doch bitte kurz unseren Lesern, die sich nicht ganz so gut mit den verschiedenen Leistungsabzeichen auskennen, was man dafür leisten muss."

Mattes: "Für den bronzenen und den silbernen Tölter muss man 28 Unterrichtseinheiten bei einem IPZV Amateurtrainer A, B oder C erteilt bekommen. Beim bronzenen Tölter wird der Tölt bei der Abschlussprüfung im beliebigen Tempo geritten. Beim silbernen Tölter wird nach IPO 1,5 geprüft. Beim goldenen Tölter muss man 42 Unterrichtseinheiten bei einem IPZV Amateurtrainer B oder A erhalten und ausführliche Kenntnisse der Reitlehre, Verhalten im Gelände, Haltung, Pflege und Fütterung bei einer schriftlichen Prüfung nachweisen. Bei der praktischen Prüfung vor zwei IPZV API Prüfern reitet man einfach eine Töltprüfung nach IPO 1,3 und eine nach IPO 1,1 mit Pferdetausch.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass in solchen Kursen viel Auswendiglernerei bei Theorie und Praxis stattfindet. Auch Kerstin, die glaube ich alle Abzeichen die es gibt, auch Spring und Fahrabzeichen, hat, sagt, dass es bei den verschiedenen Verbänden fast überall so aussieht.
Mein Tipp: Kursgebühr in mehr Reitstunden investieren, viel lesen und sich dann auf einem kleinen Turnier in der jeweiligen Prüfung anmelden. Da hat man dann hoffentlich gute Noten, aber nachher nicht so eine schöne Urkunde und einen glänzenden Kragenverzierer!"

Fleygur: "Dann hast Du Dich ja ausführlich mit dem Thema "Tölt" beschäftigt und bist auch bei Euch auf dem Hof der Spezialist dafür. Auch in der Islandpferdeszene wird ja einer systematischen Ausbildung der Pferde immer mehr Bedeutung zugemessen. Hierbei wird auch immer öfter nach besseren Methoden und neuen Inspirationen gesucht, es wird auch gern mal über den Tellerrand geschaut. Gibt es Einflüsse oder Prinzipien die Deiner Ausbildungsweise zugrunde liegen und wie wirken diese sich insbesondere auf den Tölt aus?"

Mattes: "Eigentlich nicht. Aber man sollte immer über den Tellerrand schauen. Viele Sachen sind schon alt, aber deshalb ja nicht falsch. Die Ausbildungsskala der FN zum Beispiel. Bei der gibt es drei Phasen mit den sechs Etappen: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung. Ist in vielen Teilen schon sehr gut. Auch andere Verbände haben immer wieder neue gute Ideen. Letztendlich geht es immer um die Durchlässigkeit. Mein Prinzip ist es, auf die Pferde individuell einzugehen und einfach zu versuchen über Spaß mit dem Pferd Vertrauen, Schubkraft und Tragkraft zu entwickeln. Irgendwann werden sie alle durchlässig. Es darf aber nie einen Zeitplan geben. Beim Ausbilden der Islandpferde kann es auch keine Einheitsregel geben, denn jedes Pferd ist etwas anders. Denken wir nur an den Unterschied zwischen Vier- und Fünfgängern. Eine einheitliche Ausbildungsrichtlinie für den Tölt zu formulieren kann nicht klappen. Trotzdem versuchen es immer wieder Neuerfinder und Funktionäre der Verbände. Mir hilft es immer sehr, dass ich mich mit der Biomechanik bei Gangpferden beschäftige. Für mich ist der Tölt einfach immer wieder faszinierend. Wenn man weiß, wie ein Pferd eigentlich genau läuft, hat man mehr Spaß beim gemeinsamen Weiterbilden mit seinem Pferd und leider vielen anderen Pferdebesitzern schon etwas voraus."

Fleygur: "Was ist Euch in der Ausbildung Eurer Jungpferde noch besonders wichtig? Wie geht Ihr vor allem beim Eintölten vor?" 

Kerstin: "Zeit. Wir lassen unseren Jungpferden Zeit zu lernen! Immer beginne ich mit Bodenarbeit. Geduldig, aber konsequent führen wir die Jungpferde an das Reiten heran. Wir arbeiten ohne Zwang. Erst wenn das Pferd die Reithilfen versteht, beginnen wir mit dem Takt."

Mattes: "Beim Eintölten verlasse ich mich zum großen Teil auf meinen Hintern und auf mein Taktgefühl. Jedes Pferd ist anders. Da wir meist nur zwei Pferde gleichzeitig ausbilden, können wir für jedes Pferd den richtigen Weg suchen. Also eine feste Vorgehensweise haben wir nicht. Wichtig ist es, mit dem Pferd immer kleine aber erreichbare Ziele zu durchqueren. Sicher gibt es beim Eintölten mancher Viergänger auch immer wieder Szenen, bei denen man sich lieber nicht filmen lassen will. Hier sollte sich keiner, der Pferde ausbildet, etwas vormachen. Wichtig ist bei jungen Pferden eine schnell wieder nachgebende Hand und ein lockerer Sitz. Genauso wichtig ist es, beim Pferd einen unaufgeregten Eindruck zu hinterlassen. Und das geht nur, wenn man unaufgeregt ist. Deshalb sag ich auch oft zu meinen Reitschülern: Tölten tut man mit dem Arsch!"

Fleygur: "Ihr verkauft nur Pferde, die bei Euch auf dem Hof ausgebildet wurden. Warum seid Ihr diesbezüglich so konsequent?"

Mattes: "Wir wollen langfristig Pferde auch verkaufen. So kennen wir die Pferde sehr genau und können viel Auskunft geben. Die meisten Pferde, die wir bis jetzt ausgebildet haben, kennen wir schon von klein an und reden auch lange nach dem Verkauf noch regelmäßig mit den Käufern. Sicher ist ein Verkauf immer auch mit Traurigkeit verbunden, bei Kerstin besonders."

Kerstin: "Aber schnell kommt wieder die Freude über das Glück, so einen schönen Beruf zu haben."

Fleygur: "Zu Eurem Ferienangebot. Kinder und Jugendliche können bei Euch auch Ihre Ferien verbringen. Was erwartet Eure Gäste bei Ihrem Besuch?"

Kerstin: "Bei uns können die Kinder und Jugendliche schöne Ferientage mit unseren liebevoll ausgebildeten Islandpferden verbringen. Sie erwartet viel Spiel und Spaß bei Theorie zum Pferd und natürlich beim Reiten. In kleinen Gruppen lernen die Kinder und Jugendlichen spielerisch den richtigen Umgang mit Islandpferden und harmonisches, feines Reiten. Für leckeres Essen sorgen unsere Mütter Almut und Christel! Die Kinder lieben es. Super finden Kinder und Jugendliche auch unsere Heuböden- und Abenteuerwochenenden, bei denen Sie praktisch über den Pferden schlafen und mit ihnen durch den Wald wandern. Ich freue mich jetzt schon wieder auf die Osterferien!"

Fleygur: "Zum Abschluss noch unsere Standardfrage: Wenn Ihr Euch eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene aussuchen könntet, mit wem würdet Ihr gerne mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres Gespräch führen und zu welchem Thema?"

Kerstin: "Ich würde gerne mal wieder einen langen Ausritt mit Dr. Agr. Adriane Mack machen. Sie ist eine Freundin aus dem Studium und mittlerweile eine ausgezeichnete Expertin in Sachen Pferdeanatomie. Mit ihr würde ich sehr wahrscheinlich die ganze Zeit einfach ganz entspannt über irgendwelche Pferdemuskeln reden."

Mattes: "Mit Ursula Bruns einen Strandausritt machen und ihr bei den Geschichten von den ersten großen Schiffstransporten von Island nach Hamburg zuzuhören."

Fleygur: "Danke für das Interview und auch die hilfreichen Tipps. Alles Gute, viel Erfolg weiterhin und schon jetzt eine schöne Vorweihnachtszeit."


Impressionen Islandpferdehof Niederrhein