Fleygur:
"Hólmgeir, warum hast du Island verlassen
und wie kam es zu dem Islandpferdehof Hestabakki?"
Hólmgeir: "Damals
betrieb ich mit meinen Freunden þorri und Simmi
einen kleinen Trainingsstall bei Akureyri. Im März
1992 kamen Elke und Lothar Schenzel zu uns, um Pferde
zu kaufen. Von unserer Arbeit angetan, fragten sie
mich und þorri, ob wir nicht Interesse hätten,
mit nach Deutschland zu kommen, um dort bei der Arbeit
mit den Pferden zu helfen. So kam ich nach Deutschland
und bin hier geblieben. Nach meiner Zeit auf dem Kronshof
ging ich ein halbes Jahr zu Marlise und Arno Grimm
auf den Basselthof und machte mich im Juni 1993 selbstständig.
Ich nannte meinen Bertrieb Islandpferdehof Hestabakki
(= Pferdeufer). Es folgten vier Umzüge, bis ich
Mitte 2003 auf meinem eigenen kleinen Pachthof hier
in Buchholz seßhaft geworden bin. Ende 2003
kam Nina dann zu mir und seitdem betreiben wir Hestabakki
gemeinsam."
Fleygur: "Nina, Islandpferde
begleiten dich schon dein ganzes Leben. Mit 4 Jahren
hast du angefangen zu reiten und deinen ersten Isländer
bekommen, heute bist du IPZV Trainer A und Jungpferdebereiter
und betreibst gemeinsam mit Holmgeir Hestabakki. Was
bedeuten Islandpferde für dich?"
Nina: "Islandpferde
machen natürlich einen sehr großen Teil
in meinem Leben aus. Ich war in jungen Jahren das,
was man als ein pferdeverrücktes Mädchen
bezeichnet hat. Meine Eltern können sicherlich
tausend Anekdoten zum Besten geben, wenn sie gefragt
werden, wie es damals war. Ich wollte so sein wie
ein Pferd, so denken und sogar wiehern können.
Ich lachte und weinte mit ihnen, erzählte ihnen
alle meine Sorgen und habe die schönsten Dinge
mit ihnen erlebt. Im Prinzip haben sie mein Leben
bestimmt und mir auch eine gehörige Portion Disziplin
beigebracht. Freunde waren und sind mir sehr wichtig
- aber es war manchmal schwer alles unter einen Hut
zu bringen - das Wohl der Tiere ging nun einmal vor
und so ist es auch heute noch."
Fleygur: "Gab es
auch mal Momente in Euren Leben, wo ihr darüber
nachgedacht habt, etwas ganz anderes zu tun? Und wenn
ja, was hättet ihr gemacht?"
Hólmgeir: "Nach
der Schule machte ich eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker.
In dieser Zeit entflammte mein Interesse für
Traktoren und Geländewagen, was mir auch heute
noch Spaß macht. Natürlich war ich den
Pferden in der Lehre weiterhin treu. In dieser Zeit
lernte ich Reynir Hjartarsson á Brávollum
kennen, der damals einer der bekanntesten Passreiter
Islands war. Ich durfte viel bei ihm lernen und diese
Zeit hat mein Leben in soweit verändert, dass
mein Hauptinteresse der Arbeit mit dem Pferd galt."
Nina: "Ich habe auch
nach meinem Abitur studiert - Diplompädagogik.
Man wollte ja auch etwas Vernünftiges lernen.
Mein Diplom habe ich 2001, aus damals persönlichen
Gründen, erst einmal auf Eis gelegt und angefangen,
hauptberuflich mit Pferden zu arbeiten. Die erste
Zeit habe ich mich geschämt, so kurz vor dem
Abschluß das Studium geschmissen zu haben. Jetzt
sehe ich es etwas anders. Das man sich manchmal wünscht,
etwas anderes machen zu können, ist klar. Das
geht doch fast jedem Menschen in seinem Job so - und
klar fänden wir es mal toll, für nur eine
Woche gemeinsam Urlaub machen zu können - aber
allein, wenn man morgens zum Füttern in den Stall
kommt und die Köpfe fliegen hoch und man wird
freundlich begrüßt, weiß man genau,
warum man das alles tut."
Fleygur: "Nina, was
wir immer schon mal wissen wollten, Du giltst in der
Szene als eine der talentiertesten Reiterinnen. Was
ist dein Geheimrezept?"
Nina: "Es gibt eigentlich
kein Geheimrezept. Ich hatte einfach das Glück,
dass mein Papa ein pferdebegeisterter Mensch ist und
mir viel ermöglicht hat. Ich konnte jeden Tag
reiten und war in den Ferien oft bei Anne Trappe auf
Brock, wo wir (Melissa, Fatma, Lio und ich) ebenfalls
viel mit Pferden unternehmen durften. Unterricht gab
es in dieser Form, wie es das heute gibt, noch nicht
und so habe ich schnell begriffen, dass die Pferde
dein bester Lehrer sind und ich habe angefangen, ihnen
zuzuhören und versucht, sie zu verstehen. Natürlich
haben auch Menschen meinen Weg geprägt. Meine
Zeit bei Andreas Trappe war Gold für mein Verständnis
in der Pferdeausbildung und seitdem holt man sich
hier und da eine neue Idee von den unterschiedlichsten
Menschen und Pferden und nimmt sie in seine Arbeit
mit auf."
Fleygur: "Stichwort
Unterricht. Wie kann man sich Nina Müller und
Hólmgeir Jónsson als Trainer vorstellen?
Sind eure Vorstellungen in Punkto Ausbildung von Pferd
und Mensch konform oder gibt es auch Dinge die ihr
grundsätzlich anders macht?"
Nina: "Als Trainer
sind wir lustig und der Unterricht richtet sich nach
der Mensch- Pferd- Kombination aus. Was können
sie, was wollen sie, wo liegen die Probleme und wie
können wir zu dritt das angestrebte Ziel erreichen.
Hólmgeir und ich haben verschiedene Schwerpunkte,
so dass man sagen kann, man findet viele Antworten
hier bei uns auf Hestabakki, da wir unser Wissen für
die Schüler kombinieren. Es liegt uns einfach
am Herzen, dass es mit Reiter und Pferd klappt und
alle fröhlich sind. Anders machen wir eigentlich
nichts. Wir denken viele Wege führen nach Rom.
Der eine Trainer macht es so und kommt zum Ziel und
wir machen es so. Die Chemie muss stimmen und der
Schüler muss mit unserer Unterrichtsidee halt
etwas anfangen können."
Fleygur: "Hólmgeir,
Du gibst Rennpasskurse und reitest den Rennpass auch
selbst erfolgreich auf Turnieren. Wie ist deine Meinung
zum Passreiten in der Fünfgangprüfung auf
der Ovalbahn? Kann ein Pferd auf so kurzen Strecken
guten Rennpass zeigen und ist ein harmonisches Reiten
/ Legen hier überhaupt möglich oder sollte
der Rennpass nur auf der Passbahn ausgetragen werden?"
Hólmgeir: "Sicherlich
eine Frage, die im Moment scharf diskutiert wird und
auch schwer zu beantworten ist. Ich versuche es kurz
zu halten. Das Rennpassreiten auf der Ovalbahn setzt
sicherlich eine gute dressurmäßige Ausbildung
des Pferdes voraus (ähnlich wie beim Tempoverstärken
in der T1). Leider vergessen manche Pferde auch mal
die gute Ausbildung und sie wollen mit dem Kopf durch
die Wand und sich nichts mehr sagen lassen - und ich
weiß wovon ich rede. Ich bin auch ein Isländer
mit Temperament. Es hängt auch vom Pferd ab.
Ein guter "Ovalbahnpasser" ist nicht immer ein gutes
Pferd auf der Strecke. Die brauchen die Sicherheit,
dass sie von A nach B können und machen es gut.
Auf gerader Strecke wären diese Pferde total
verloren. Für den guten Streckenpasser ist es
auf der Ovalbahn sicher schwieriger. Ich denke, dass
wir nicht die Frage nach Oval- oder P- Bahn stellen
müssen. Wir müssen Wege finden, unsere Pferde
immer weiter dressurmäßig auszubilden,
damit sie den Anforderungen standhalten können."
Fleygur: "Noch eine
Frage zum Pass: Woran erkennst du die Eignung eines
Pferdes zum Rennpasser und wonach suchst du deine
Turnierpferde aus?"
Hólmgeir: "Das
ist ganz einfach. Ein guter Passer muß über
viel Vorwärtsidee und eine gute Passqualität
verfügen. Daneben muss er Eigenschaften wie Mut
und Eigenwillen haben - eigentlich muss das Pferd
genauso bescheuert sein wie ich, aber es muss auch
cool und abwartend sein, was in der Startbox extrem
wichtig ist. Die Pferde müssen selber gewinnen
wollen und das ist etwas, was du fördern aber
ihnen nicht beibringen kannst. Meine Top- Pferde haben
bislang mich ausgesucht. Das Budget ist klein und
so einen Starpasser muss man sich erst mal leisten
können. Vielleicht will ich das ja auch gar nicht.
Ich habe viel Freude daran, mit interessanten Passpferden
unseren Erfolg zu erarbeiten und auszubauen."
Fleygur: "Es wird
zur Zeit diskutiert, ob das Islandpferd immer 5 Gänge
haben sollte, und ob es in punkto Rennpass nötig
ist, Pferde aus Island zu importieren, um die Rennpassqualitäten
der hiesigen Pferde noch zu optimieren. Was haltet
ihr davon und berücksichtigt ihr das in eurer
Zucht?"
Hólmgeir: "Das
können wir nur bedingt unterschreiben. Wir haben
auschliesslich Fünfganghengste in unserer Zucht,
was sicherlich auch daran liegt, dass wir die fünfgängigen
Pferde persönlich sehr gerne mögen. Die
Viergänger darf man in der Zucht aber auf keinen
Fall vernachlässigen. Wir wollen sie als Reitpferde
und wir brauchen sie in der Zucht, um das Gleichgewicht
zwischen vier- und fünfgängigen Pferden
zu halten. Der eine bringt das mit und der andere
bringt etwas anderes mit. Nachher kommt es auf die
Anpaarungen an - wir würden z.B. niemals einen
sehr harten Viergänger, wie unsere Disa v. Habichtswald,
eine der besseren Viergänger in Deutschland,
mit einem Vierganghengst anpaaren. In unseren Augen
ist die Gefahr, dass der natürliche Tölt
verloren geht, zu hoch. Ob wir speziell Zuchtpferde
aus Island bezüglich der Passverbesserung importieren
müssen, sei dahingestellt. Die Isländer
sind uns momentan in der Zucht sicherlich einen Schritt
voraus und wir denken schon, dass wir stets frisches
"Blut" aus guten Zuchtideen der anderen Länder
brauchen können, um unsere hiesige Zucht zu verbessern.
Dennoch sind wir sicher, dass wir in Deutschland sehr
gute, spannende Vererber am Start haben, wo es sich
lohnt, diese auch zu nutzen. Wie schon gesagt - es
kommt auf die Anpaarung an und was man will."
Fleygur: "Die Rennpasser
machen ja bestimmt nur einen kleinen Teil eurer Zucht
aus. Was sind denn überhaupt eure Zuchtziele
bzw. Zuchtideen?"
Nina: "Unser Zuchtziel
sind Pferde mit einem sehr guten, höflichen Charakter,
mit fröhlichem Temperament und viel Freude an
der Arbeit. Das Exterieur soll weitgehend korrekt
sein und sie sollen über viel natürliches
Gleichgewicht verfügen und mit einer guten Hinterhandaktivität
ausgestattet sein. Eine natürliche Töltidee
der Pferde ist uns auch sehr wichtig. Unsere Zuchtstuten
sind im Moment alles Fünfgangstuten mit sehr
gutem Temperament - sie haben hier und da kleine Schwächen,
die unsere hofeigenen Hengste bislang sehr schön
ausgeglichen haben (natürlich leisten wir uns
manchmal auch gute Fremdhengste, die neuen Wind in
unsere Zucht bringen), so dass wir schon auf sehr
schöne Pferde aus der Hestabakkizucht zurückblicken
können. Ob Freizeit- oder Turnierpferd ist bei
uns kein Maßstab - ein gutes Pferd ist ein gutes
Pferd und da ist es egal, für welchen Bereich
es genutzt wird. Wichtig ist auch für uns, dass
unsere Pferde von der breiten Masse geritten werden
können.Was nun die Zucht von Rennpassern betrifft,
können wir sagen, dass ein guter Passer nicht
speziell gezüchtet wird. Er wird einfach geboren
und wenn alle Komponenten zusammenpassen (Veranlagung
+ Ausbildung), dann hat man vielleicht den nächsten
"Renner" für Hólmgeir im Stall."
Fleygur: "Als wir
uns Euer neues Kursprogramm 2009 angeschaut haben,
sind wir über einen Kurs "isländisch Reiten,
Sprechen und Singen" gestolpert. Was hat es damit
auf sich?"
Hólmgeir:
"Das ist ein lustiger und lehrreicher Kurs. Wir
wollten ein Alternativprogramm zu den üblichen
Lehrgängen schaffen. Ein wenig zurück zu
der Islandpullifraktion (in keinster Weise negativ
gemeint). Die Kursteilnehmer erhalten drei Unterrichtseinheiten
mit mir. Anstelle der Theorie und Videobesprechungen,
werden sie in die Geheimnisse der isländischen
Sprache, durch unseren guten Freund Björn eingeweiht
(bei dem Nina überigens auch alle zwei Wochen
versucht, des Isländischen mächtig zu werden).
Samstagabend gibt es Grillen mit Gesang und Sonntagnachmittag
erfolgt ein gemeinsamer Ausritt mit Picknick und noch
mehr Gesang."
Fleygur: "Wenn ihr
euch eine Person aus dem Bereich der Islandpferdeszene
in Deutschland aussuchen könntet, mit wem würdet
ihr gerne mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres
Gespräch führen und zu welchem Thema?"
Nina: "Ui, schwer
zu sagen. Wir haben guten Kontakt zu vielen Menschen
aus der IPZV Szene und wir unterhalten uns mit allen
netten Menschen sehr gerne über viele Dinge.
Wir treffen uns zum Beispiel einmal im Monat mit Suzan
Beuk zum Erfahrungsaustausch und Training - sechs
Augen sehen mehr als zwei. Wir würden uns aber,
auf die Frage bezogen, gerne mal wieder mit Horst
Becker an einen Tisch setzen, da er unseren Blickwinkel
immer wieder aufs Neue erweitert hat und wir haben
vor, uns mit anderen Trainern aus den unterschiedlichsten
Sparten zu unterhalten und uns trainieren zu lassen,
um immer mehr Ideen in unser tägliches Training
einbeziehen zu können."
Fleygur: "Das neue
Jahr hat gerade begonnen, natürlich wünschen
wir euch dafür vor allem viel Glück und
Erfolg. Was sind eure Wünsche und Ziele für
2009?"
Nina: "Unsere Wünsche
für 2009 sind sicher viel Gesundheit für
unsere Familie, unsere Pferde und natürlich auch
für uns. Das letzte Jahr war in dieser Hinsicht
etwas gruselig für uns - nachdem wir lange Jahre
kaum Pech hatten, hat es uns 2008 arg gebeutelt und
wir mußten uns von sieben Pferden aller Altersklassen
verabschieden. Zwischendurch wußten wir gar
nicht mehr, woher wir die Kraft zum Weitermachen nehmen
sollten aber es ging irgendwie (hier gilt der Dank
an Freunde, Familie und die Pferde, die jeden Tag
unsere Aufmerksamkeit gefordert haben). Aus sportlicher
Sicht wollen wir dieses Jahr mit unseren beiden Pferden
Skarpur v. Hestabakki und Disa v. Habichtswald gut
in der Szene mitmischen."
Hólmgeir: "Wir
wünschen uns auch, dass unser neuer Hengst Hörður
v. Neddernhof im Herbst eine gute FIZO absolviert.
Ja und dann freuen wir uns dieses Jahr auf die Ausbildung
von sechs Jungpferden aus unserer Zucht - spannend."
Fleygur: "Gehen wir
noch etwas witer in die Zukunft. Nina Müller
und Hólmgeir Jonsson in 10 Jahren, was werdet
ihr dann tun und wie sieht es dann auf Hestabakki
aus?"
Hólmgeir: "Wir
hoffen, dass wir dann fit genug sind, unseren Traumjob
weiter ausüben zu können. In unserem Alter
ist es, denken wir, legitim solch Aussagen zu treffen."
Nina: "Wir
sind ja auch nach wie vor noch auf der Suche nach
einem anderen Hof in dieser Gegend und wir hoffen,
dass wir dann in 10 Jahren, von unserem eigenen Hof,
auf dieser schönen Homepage in einem weiteren
Interview berichten können und dürfen.
In unserern Augen ist eure Fleygur Seite stets informativ
und lesenswert."
Fleygur: "Na, für
ein erneutes Interview werden doch hoffentlich nicht
erst 10 Jahre vergehen müssen! Als große
Hestabakki-Fans bleiben wir Euch ohnehin auf den Fersen....
Wir danken für das Interview und die Einblicke
und auch für Euer Lob der Fleygur-Seiten.
Wir freuen uns bereits sehr (und sind auch - gestehen
wir - schon etwas aufgeregt) auf die verabredete Fleygur-Trainingsstunde
bei Nina, wenn sie das nächste Mal wieder hier
in der Ecke ist........ "
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