Fleygur:
"Herr Podlech, Sie haben Ende letzten Monats
eine weitere große Auszeichnung erhalten: den
"FEIF Award" für Ihre jahrzehntelangen
Verdienste rund
um das Islandpferd und die Islandpferdegemeinschaft.
Hierzu möchten wir Ihnen erstmal ganz herzlich
gratulieren!
Drei Generationen Islandpferdezucht und eines der
größten und renomiertesten Islandpferdegestüte
auf dem Kontinent: Herr Podlech, Ihr Vater war einer
der Pioniere der Islandpferdezucht in Deutschland,
Sie und Ihre Frau haben eines der erfolgreichsten
Gestüte aufgebaut und Ihre Söhne führen
inzwischen Teilbereiche des Gestüts und der zugehörigen
Landwirtschaft eigenständig weiter:
Was war und ist Ihr Erfolgsrezept, und haben Sie jemals
an Ihrem Weg gezweifelt?"
Bruno Podlech: "1957,
als die ersten Pferde auf den Kontinent kamen, herrschte
natürlich noch viel Pioniergeist. Keiner wußte
wirklich was Tölt oder Pass ist und wie man auf
die Gangverteilung eines Islandpferdes Einfluss nehmen
kann. Wir hatten auch kaum Informationen zur Gangvererbung.
So sammelte ich Wissen aus Erfahrungen isländischer
Bauern, indem ich immer ganz genau nachfragte, von
welchem Hengst und welcher Stute die Reitpferde abstammten.
Außerdem nahm ich die Kenntnisse über allgemeine
Tierzucht und die Linienzuchterfahrung von Gunnar
Bjarnason zu Hilfe. Aus den Beobachtungen und Erfahrungen
bei der Ausbildung sehr unterschiedlicher Pferde,
Einkäufen in Island und durch den Umgang mit
anderen Mehrgangrassen entwickelte ich schließlich
die Gangverteilungsskala, die heute eine der Grundlagen
der Wiesenhof-Zucht darstellt.
An meinem Weg habe ich nie gezweifelt, sonst wäre
ich heute nicht da, wo ich bin."
Fleygur: "Im Lauf
der Zeit ist der Wiesenhof ja von einem "Hof"
zu einem "Unternehmen" herangewachsen. Sie
haben über 300 Pferde und mehr als 20 Mitarbeiter
und bieten fast alles an, was es im Islandpferdebereich
gibt. Sehnen Sie sich manchmal zu den Anfängen
auf einem kleineren – vielleicht leichter überschaubaren
Gestüt zurück?"
Bruno Podlech: "Eigentlich
nicht. Wir haben viele langjährige Mitarbeiter,
die alle zu hundert Prozent hinter dem Wiesenhof und
ihrer Arbeit stehen und einen wirklich guten Job machen.
Dadurch fällt es nicht schwer, so einen großen
Hof zu leiten und es bereitet auch viel Freude. Wir
alle sind so zusagen mit dem Wiesenhof gewachsen."
Fleygur: "Sie haben
für all das natürlich auch sehr hart gearbeitet.
Was war für Sie persönlich das härteste
Opfer, das sie für diesen Erfolg bringen mussten?"
Bruno Podlech: "Ich
habe meine Arbeit niemals als Opfer empfunden. Mein
Hobby ist mein Beruf und mein Beruf ist mein Hobby,
das ist bis heute so. Ich glaube die viele investierte
Zeit als Opfer zu betrachten, ist die falsche Einstellung,
um Erfolg haben zu können."
Fleygur: "Vielleicht
eine ungewöhnliche Frage, aber „Reiten
nur so zum Vergnügen“ gibt es das bei Ihnen
noch? Wir meinen damit z.B. Tage, an denen Sie ganz
privat ausreiten, ohne dabei gerade gleichzeitig ein
Pferd auszubilden, so etwa mit langem Zügel durch
den Wald, einfach nur um die Natur und den Augenblick
zu genießen?"
Bruno Podlech: "Da
stellt sich für mich die Frage „Was sehe
ich im Reiten?“ Für mich ist es das schönste,
beim Reiten intensiv mit dem Pferd verbunden zu sein.
Dafür ist es aber wichtig, das Pferd vorher über
eine geeignete Gymnastizierung in seine natürliche
Balance gebracht zu haben. Dann stellt sich diese
„Seelenverbindung“ zwischen Pferd und
Reiter automatisch ein. So reite ich auch in meiner
Freizeit."
Fleygur: "Der Wiesenhof
ist ja mehr als ein reines Islandpferdegestüt.
Sie betreiben aktive Landschaftspflege mithilfe von
Islandpferden und Angusrindern. Wie funktioniert das?"
Markus Podlech: "Die
Landwirtschaft des Wiesenhofs bewirtschaftet insgesamt
250 Hektar Land und produziert ihr komplettes Rauhfutter
nach EU-Bio-Richtlinien selbst. Hinzu kommt die Landschaftspflege,
ohne die die Täler im Albtal zustrauchen bzw.
zuwuchern würden. Wir erhalten also die offene
Landschaft, die sonst als Naherholungsgebiet verloren
ginge. Auch viele der seltenen Tier- und Pflanzenarten,
die im Albtal beheimatet sind, würden verschwinden.
Ein Teil der Flächen im Albtal sind großzügig
eingezäunt und werden durch eine Herde Deutsch-Angus-Kühe
und Islandpferde extensiv beweidet. Da die Kühe
Pflanzen abfressen, die die Pferde stehen lassen,
ist eine wechselweise bzw. gleichzeitige Beweidung
durch Kühe und Pferde sehr sinnvoll. Pflanzen,
wie zum Beispiel Binsen, die sowohl Kühe als
auch Pferde nicht anrühren, werden von Hand gemäht,
ausgeräumt und kompostiert. Aber nicht alle Flächen
im Albtal eignen sich zur Beweidung. Ca. 90 der insgesamt
135 Hektar werden mechanisch mit einem Mähwerk
oder per Hand gemäht."
Fleygur: "Stichwort
Zucht: spätestens jetzt ist wieder Zeit, sich
über Anpaarungen Gedanken zu machen. Sie sind
einer der erfolgreichsten Islandpferdezüchter,
waren 2007 auch Züchter des Jahres - und sagen
selbst: "Wir Züchten keine Zufälle".
Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?"
Bruno Podlech: "Dieses
Thema ist so komplex, das es wohl den Rahmen dieses
Interviews sprengen würde. Aber wir arbeiten
weiter daran, die Zucht nach Zuchtziel bzw. nach Verwendungszweck
zu perfektionieren. Dafür sollten drei einfache
Fragen am Anfang stehen:
1. Was habe ich? Dafür überprüfen wir
so eingehend wie möglich die Abstammung, die
Eigenleistung, die Verwandtschaftsinformation und
Informationen über die Nachkommen.
2. Was möchte ich? Ein dem reiterlichen Können
des Kunden angepasstes Pferd züchten. Man kann
das Siegerpferd einer Sportprüfung nicht an einen
durchschnittlichen Reiter verkaufen, weil er nicht
mit diesem Pferd zurechtkommen würde. Unser Motto
ist deshalb: Das beste Pferd ist immer das, das genau
zum Kunden passt.
3. Wenn wir wissen, wo die Stärken und die Schwächen
unserer Stute liegen und wir unser Zuchtziel definiert
haben, stellen wir uns als letztes die Frage: Wie
komme ich dahin? Um unser Zuchtziel zu erreichen berücksichtigen
wir das genetischen Material und die möglichen
Kombinationen, schöpfen die Kombinationsmöglichkeiten
der Gangverteilungsskala aus und berücksichtigen
Charakter, Temperament und Persönlichkeit passend
zum Verwendungszweck. Die Auswahl des passenden Hengstes
ist dann nicht mehr schwierig, wenn wir einige Grundsätze
beachten."
Fleygur: "Am 04.
April ist ja auch wieder das beliebte Züchtertreffen
auf dem Wiesenhof. Was erwartet die Gäste in
diesem Jahr?"
Bernhard Podlech: "Selbstverständlich
sollen weiterhin die Zuchtpferde im Mittelpunkt stehen.
Und wir möchten weiterhin interessante Informationen
rund um die Zucht zur Verfügung stellen. Um die
Möglichkeiten zum Gespräch, zum Austausch
und zur Diskussion zu verbessern bzw. ihr einen besonders
entspannten Rahmen zu geben, haben wir uns etwas Neues
ausgedacht: Ein abendliches Buffet im Gästehaus
Wiesenhof, das sicher sehr gemütlich wird. Wir
beginnen also mit einer Materialprüfung für
Jungpferde, präsentieren natürlich unsere
Deckhengste für das Jahr 2009, möchten dann
einige Zuchtpferde vorstellen, die zum Verkauf stehen
und werden anschließend in Schaubildern, die
viel Hintergrundinformation liefern sollen, einige
unserer „Perlen“ vorstellen. Ja, und dann
treffen wir uns beim Buffet wieder. Wir freuen uns
schon sehr auf interessante Gespräche."
Fleygur: "Natürlich
verkaufen Sie auch viele Pferde. Gibt es ein Pferd,
von dem Sie sagen, das ist unverkäuflich und
wenn ja warum?"
Bruno Podlech: "Da
gibt es eine Reihe von Pferden, denen wir viel zu
verdanken haben und die auch große Persönlichkeiten
sind. Ein Beispiel ist Hnysa vom Wiesenhof, die uns
so viele schöne Nachkommen geschenkt hat. Und
natürlich Geysir vom Wiesenhof, mit dem ich viel
erreicht habe und zu dem ich eine sehr tiefe Bindung
aufbauen durfte, die das Reiten ohne Zäumung
überhaupt erst möglich macht. Oder Gustur
frá Grund, der ein unbeschreibliches Reitgefühl
vermittelt und ein sehr besonderes Pferd mit viel
Leistungsbereitschaft und einem tollen Charakter ist."
Bernhard Podlech: "Für
mich gibt es auch besondere Pferde, die mir sehr am
Herzen liegen, wie Fenna vom Wiesenhof, die wie ihr
Vater Gustur frá Grund immer Freude bereitet,
der ich viele meiner schönsten Momente beim Reiten
zu verdanken habe und mit der ich im Sport sehr erfolgreich
war."
Fleygur: "Wir alle
kennen die harmonischen Bilder von Ihnen Beiden, auf
denen Sie Ihre Hengste "ohne Alles" –
also ohne Sattel und Zaumzeug – in allen Gangarten
vorstellen. Sie bieten ja auch Seminare zu diesem
Thema an. Uns persönlich faszinieren diese Bilder
total: kann man als "normaler Mensch" wirklich
lernen so zu reiten oder muss man dafür zu den
wenigen gehören, die eine besondere Verbindung
zum Pferd herstellen können?"
Bruno Podlech: "Im
Prinzip steht dieser Weg allen Reitern offen. Man
muss allerdings dazu bereit sein, in kleinen Schritten
zu arbeiten und in der Lage sein, sich auf das Pferd
einzulassen. Die wichtigsten Voraussetzungen sind:
Verständnis für die Bewegungen des Pferdes,
eine gute körperliche Balance sowie pferdegerechtes
denken und handeln. Eine klassische reiterliche Ausbildung
hilft dabei sehr. Auch die freie Arbeit mit dem Pferd
bildet eine gute Grundlage. Denn was vom Boden aus
nicht geklärt ist, kann auf dem Pferderücken
nicht funktionieren. Man muss sich auch im Klaren
darüber sein, dass bei starken Außenreizen
(zum Beispiel einer vorbeilaufenden Pferdeherde) die
Einwirkung auf das Pferd nur sehr begrenzt möglich
ist. Da gehört dann auch viel Vertrauen von beiden
Seiten dazu."
Fleygur: "Welche Voraussetzungen
brauchen denn Reiter und Pferd überhaupt, um
an so einem Seminar ( Reiten in Balance ) erfolgreich
teilnehmen zu können?"
Helga Podlech: "Wir
haben diese Seminarreihe in logischen Schritten auf
einander aufgebaut. Begonnen wird mit der Freiheitsdressur,
einem Lehrgang, bei dem es um die Kommunikation mit
dem Pferd über Körpersprache geht –
eine wichtige Voraussetzung für das Reiten ohne
Zäumung. Um an diesem Seminar teilnehmen zu können,
braucht man keine besonderen Voraussetzungen mitzubringen.
Ein Interesse an diesem Thema und die Bereitschaft,
dem Pferd „zuzuhören“ reicht aus.
Wie lange man braucht um von diesem Schritt zum freien
Reiten zu gelangen, ist sicher sehr unterschiedlich.
Einsteigen kann ein Reiter aber zu jedem Zeitpunkt
seiner reiterlichen Ausbildung. Wir holen ihn da ab,
wo er gerade steht."
Fleygur: "Wenn Sie
sich heute eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene
aussuchen könnten, mit wem würden Sie gerne
mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres
Gespräch führen und zu welchem Thema?"
Bruno Podlech: "Es
gibt eine lange Liste von Personen, mit denen ich
mich gerne einmal unterhalten hätte, wie zum
Beispiel Nuno Oliveira oder Egon von Neindorff. Natürlich
gibt es auch viele interessante Leute aus der eigenen
Szene, die das Islandpferd dahin gebracht haben, wo
es heute steht."
Fleygur: "Sie haben
in Punkto Islandpferde fast alles erreicht. Haben
Sie noch besondere Wünsche und Ziele für
die nächsten Jahre?"
Bruno Podlech: "Ich
würde mir wünschen, das ein generationsübergreifendes
Forum ins Leben gerufen wird, in dem das Wissen und
die Erfahrung von Menschen, die sich dem Islandpferd
aus den verschiedenen Aspekten heraus verbunden fühlen,
wie zum Beispiel den Züchtern, Ausbildern von
Pferd und Mensch, Sport-, Freizeit- und Wanderreitern,
gesammelt, ausgetauscht und weitergegeben wird. Das
wichtigste ist für mich die Bereitschaft dem
Anderen zuzuhören, so dass ein echtes Gespräch
möglich ist, um so die Bandbreite des Islandpferdes
erhalten zu können."
Bernhard Podlech: "Da
ich gemeinsam mit meinem Bruder Markus mittlerweile
viel der Verantwortung übernommen habe, wünsche
ich mir besonders, den Wiesenhof genauso erfolgreich
und mit ebenso viel Freude weiterführen zu können.
Unser Ziel ist es, das Lebenswerk unseres Vaters weiterzuführen
und dabei unsere eigene Kreativität einfließen
lassen. Wir möchten auch weiterhin auf dem Wiesenhof
vielen Menschen und Tieren ein zweites Zuhause bieten
und mit viel Freude und Gemeinschaftssinn jeden Einzelnen
in seiner weiteren Entwicklung unterstützen können."
"An dieser Stelle möchten wir Fleygur noch
ein Kompliment machen, die mit ihrem Portal eine sehr
informative Plattform geschaffen haben, die das Kontakte
knüpfen unter Islandpferdefreunden erleichtert.
Wir wünschen ihnen weiterhin viel Erfolg und
danken ihnen für ihr Engagement und die Professionalität,
die wir in der bisherigen Zusammenarbeit erleben durften."
Fleygur: "Wir danken Ihnen und freuen uns ganz besonders über Ihr Lob. Wir sind wirklich sehr fasziniert von der bemerkenswerten Erfolgsgeschichte des Wiesenhofs. Unser Name "Fleygur" steht für uns übrigens für unseren persönlichen Traum vom "Fliegen beim Reiten", für ein absolutes Gefühl von Leichtichkeit, Lebensfreude und vollendeter Harmonie mit dem Pferd. Wenn wir Sie auf Ihren Hengsten ohne Zäumung so dahinfliegen sehen, stockt uns zugegebenermaßen ein wenig der Atem. Wir werden konsequent weitertrainieren!"
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