| Fleygur:
"Beatrix, schön das wir mal wieder einen Hof
aus dem Münsterland besuchen dürfen. Erzähl
mal, wie bist du eigentlich aufs Islandpferd gekommen?"
Beatrix: "Nun, reiten gelernt
habe ich als Kind auf Großpferden und mit Ende der
Schulzeit frustriert wieder aufgegeben. Ich hatte viel
schlechten Unterricht und habe zwangsläufig viele
kleinere Katastrophen mit Pferden erlebt. 1981 habe ich
dann meinen Mann kennengelernt, der ein Islandpferd hatte.
Ich habe seinen Wallach geritten und sofort gewußt:
Das ist es!. Von da an haben Islandpferde mich gelehrt, was
zuvor immer falsch gelaufen war. Hilfreiche Tipps bekam
ich zu der Zeit z.B. von Andreas Trappe. 1982 bin ich
mit meinem Mann hier auf den Hof gezogen und wir haben
angefangen, auf privater Basis Isländer zu züchten.
Aber dabei blieb es nicht, denn es kamen immer häufiger
Menschen hier auf den Hof, die nach Unterichtsmöglichkeiten
und Pensionsplätzen fragten. 1990 habe ich mich dann
mit dem Gestüt Steenhaar
selbstständig gemacht.
Fleygur:
"Was bedeutet der Name "Steenhaar" eigentlich?"
Beatrix: "Wir haben den Hof
nach unserer Wiese hier benannt, er bedeutet "steiniges
Moor". Daraus entstand übrigens auch unser Logo,
es stellt die Felsmalerei eines Pferdes dar."
Fleygur:
"Du betreibst die Reitschule ja mittlerweile gemeinsam
mit deinen beiden Töchtern, Ina und Nele. Was ist
Euch im Unterricht wichtig?"
Beatrix: "Nun "Verstehen" ist
uns sehr wichtig, d.h. die Reitschüler sollen verstehen,
was wir erklären und etwas damit anfangen können.
Das klingt so selbstverständlich, aber ist es gar
nicht. Jeder Mensch lernt anders, das gilt es zu berücksichtigen.
Der eine lernt mehr über das Hören, ein anderer
muss vielleicht erst etwas sehen können und sich
ein Bild machen. Wir bemühen uns, auf jeden individuell
einzugehen und viel praktisch zu veranschaulichen, da
gibt es kein Schema F. Man muss den Schüler kennen lernen
und auch zuhören können, nicht nur reden. Man
braucht also nicht nur Pferdeverstand, sondern auch eine
gute Portion Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen.
Wir müssen gut erkennen können, an welchem Punkt sich
ein Reitschüler gerade befindet und für seine
Schwierigkeiten individuelle Lösungswege entwickeln.
Dafür muss man nicht selten auch von seinem eigenen
Können, seiner eigenen Reitweise und den Qualitäten
des Pferdes Abstand nehmen können. Was nützt
es, wenn ich dem Schüler sage "dein Pferd kann
das" oder ich weiss, wie ich es mit dem Pferd umsetzten
würde, wenn die beiden zusammen noch nicht an diesem
Punkt sind.
Der Reitlehrer muss, unserer Meinung nach, offen sein und manchmal auch verschiedene
Angebote machen, die der Schüler dann ausprobieren
kann, ob sie ihm an diesem Punkt weiterhelfen. Dass unser
Blick stark beim einzelnen Reitschüler ist, schließt
allerdings nicht aus, dass unser Unterricht generell sehr
beim Pferd ansetzt. Schließlich vermittelt ja das
Pferd dem Reiter die wesentlichen Dinge und nur ein zufriedenes
Pferd kann auch dem Reiter etwas beibringen, was letztendlich
dann beiden Spaß und Freude bringt. Wir lehren unseren
Schülern von Beginn an eine
möglichst feine Reitweise,
das ist die Voraussetzung für Zufriedenheit und Freude
auf beiden Seiten. Und letztendlich geht es beim Reiten
doch immer um Spaß. Diesbezüglich ist uns auch
immer wichtig, schon kleine Erfolgserlebnisse deutlich
zu machen."
Fleygur: "Du hast uns erzählt,
dass dir insbesondere die Jugendförderung am Herzen
liegt. Erzähl uns ein bischen darüber."
Beatrix: "Ja, das stimmt. Ich
mag Kinder einfach. Kinder zu unterrichten macht uns viel
Spaß. Man kann Kindern einfach sehr viel mitgeben
und es macht Freude ihre Entwicklung dann mitzuerleben.
Im Bereich Sport sind die Bewegungserfahrungen die als Kind gemacht werden, diejenigen, die die Grundlage des Körperbewusstsein bilden. Daher ist es schon früh wichtig, Kindern den richtigen Sitz und Hilfen beizubringen und somit das Einfühlungsvermögen und Bewegungsgefühl zu verbessern. Aber es sind ja nicht nur die reiterlichen Fortschritte, die
wir bei den Kinder miterleben. Durch den Umgang mit den Pferden werden sie
ja auch selbstbewußter, lernen ein erstes Verantwortungsgefühl
u.v.m."
Fleygur: "Was
möchtest du denn speziell sportambitionierten Kindern
und Jugendlichen mit auf den Weg geben?"
Beatrix:
"Nun, mir ist wichtig, dass sie nie ihren Spaß verlieren
und nicht zu ehrgeizig werden. Gesunder Ehrgeiz ist gut.
Kinder sollen schon lernen, ihre eigenen Leistungen im
Rahmen der Konkurenz richtig einzuordnen. Dadurch erkennen
sie, was sie sich erarbeitet haben und das es sich lohnt.
Deshalb vermittlen wir ihnen auch immer, dass sie nicht
zu sehr auf die Platzierungen achten sollen, sondern mehr
auf die Noten. Die Noten können ihnen ihre persönliche
Weiterentwicklung verdeutlichen. Schließlich sollen
sie doch eine realistische Einschätzung ihrer Fähigkeiten
entwickeln und dementsprechend auch ihre Ziele definieren
lernen. Zu viel Ehrgeiz und Einzelkämpfertum können
hingegen vereinsamen. Deshalb liegt mir auch viel an Gemeinschaftserlebnissen,
wie Mannschaftsprüfungen."
Fleygur:
"Welche Voraussetzungen brauchen denn deines Erachtens
Kinder und Jugendliche, um erfolgreich im Turniersport
mitreiten zu können?"
Beatrix:
"Zuerst einmal reiterliches Talent, dann natürlich
auch ein talentiertes Pferd und Fleiß. Darüberhinaus
sind im Kindersport aber noch andere Voraussetzungen erforderlich.
Man darf sich da nichts vormachen. Ein Kind allein ist
nicht in der Lage, ein Pferd dauerhaft auf einem hohen
Niveau reiten und vorstellen zu können. Da ist z.B. regelmäßiger
Korrekturberitt notwendig. Dann brauchen Kinder über
den Unterricht hinaus, auch viel Begleitung, nicht nur
durch die Eltern. Wir bemühen uns z.B., so oft wie
möglich, mit zu den Turnieren zu fahren. Gerade hier
sind Eltern oftmals zu aufgeregt, um ihre Kinder bei den
Prüfungen gut zu unterstützen. Da helfen wir
mit unserer Erfahrung, Ruhe hineinzubringen und die Kinder
auch dann aufzufangen, wenn es mal nicht so gut geklappt
hat. Das ist für alle Beteiligten entlastend."
Fleygur: "Was müssen Eltern
denn generell für die Sportambitionen des Kindes
bereit sein zu investieren?"
Beatrix: "Sie
müssen einfach voll dahinterstehen. Ohne Engagement
der ganzen Familie geht es nicht. Sie müssen viel
Zeit investieren, gerade auch an den Wochenenden, an denen
ja nun mal die Turniere stattfinden. Darüberhinaus
ist es natürlich vergleichsweise ein kostspieliges
Hobby. D.h. auch hier müssen sie bereit sein, verhältnismäßig
viel zu investieren, das ist einfach so."
Fleygur:
"Nicht jedes Kind hat die Möglichkeit auf einem Spitzenturnierpferd
anzutreten. Findest du, dass in den Kinder- und Jugendprüfungen
die reiterlichen Fähigkeiten ausreichend
berücksichtigt werden?"
Beatrix:
"Ja, das ist so eine Frage, die immer wieder viel
diskutiert wird. Generell muss man natürlich sagen,
ohne ein gewisses Quantum an reiterlichem Können,
geht es ohnehin nicht, d.h. ein Spitzenpferd allein garantiert
keinen Erfolg. Ein Pferd mit Gang und Temperament muss
man auch reiten können. Aber ich halte auch viel
von den Stil-Viergang-Prüfungen, die einfach die
Möglichkeit schaffen, Sitz und Einwirkung verstärkt
zu beurteilen. Aber auch bezüglich dieser Frage finde
ich wieder wichtig, dass die verantwortlichen Trainer
und Eltern den Kindern vorab vermitteln sollten, ihre
eigene Leistung im Rahmen der Bedingungen gut einzuschätzen.
Auf diese Weise kann jeder persönliche Erfolge im
Sport erleben. Wenn das Kind mit einer realistischen Einschätzung
startet, was es zusammen mit einem Pferd erreichen kann
und was eben vielleicht utopisch ist, wird ein Tunier
auch ohne Spitzenpferd ein tolles Erlebnis. Erfolg bedeutet
eben nicht nur unter den Platzierten zu sein, sondern
auch, wenn sich die Noten über einen Zeitraum kontinuierlich
verbessern."
Fleygur: "Was können
Kinder und Jugendliche denn eigentlich über das Reiten
hinaus auf Steenhaar noch erleben?"
Beatrix:
"Jede Menge. Wir wollen Raum bieten für viel
Kreativität, Gemeinschafts- und Naturerlebnisse.
Wir haben hier eine herrliche Umgebung, die dazu einläd
und die Kinder nutzen diese, bauen z.B. Hütten im
Wald oder gehen auf Froschsuche. Wir haben viele Wochenendkurse und Ferienfreizeiten
im Programm, z.B. auch speziell für Jungen. Durch
den Umgang mit den Pferden können insbesondere viele
Jungen sich auch einmal von einer ganz neuen Seite kennenlernen.
Sind sie sonst vielleicht eher draufgängerisch, stürmisch
und laut, lernen sie bei den Pferden einfühlsam und
vorsichtig zu werden. Insgesamt können Kinder und
Jugendliche hier auf ganz einfache Weise soziale Kompetenzen
entwickeln, nicht nur durch die Pferde. In unserem Rahmenprogramm
haben wir noch viele andere Gruppenaktionen, fahren z.B.
in den Klettergarten, da muss man mit den anderen kooperieren,
sich gegenseitig sichern, etc."
Fleygur:
"Zum Abschluss noch unsere Standardfrage: Wenn Du dir
eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene aussuchen
könntest, mit wem würdest Du gerne mal
bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres Gespräch
führen und zu welchem Thema?"
Beatrix:
"Das ist sehr schwierig zu beantworten. Es gibt so
viele interessante Menschen. Hm...Generell interessieren
mich einfach Menschen, die dieses Schillernde, Leichte,
Besondere haben. Auf Anhieb
fallen mir auch Nuno Oliveira oder auch Þórður Þorgeirsson
(isländischer Zuchtreiter des Jahres 2007 und 2008) ein, ebenso
wie Bruno Podlech. Es ist einfach faszinierend, wenn manche Menschen
im Umgang mit den Pferden eine wirkliche Einheit verkörpern.
Sie haben die Sprache der Pferde perfekt verstanden und
es ist ein wirkliches Miteinander."
Fleygur:
"Ja, da hast du Recht. Es ist wohl die Leichtigkeit,
die auch uns immer wieder bei einigen Reitern begeistert.
Wenn auch schwierige Aufgaben scheinbar selbstverständlich
wirken. Uns faszinieren aber auch immer wieder Menschen,
die sich, auch wenn solche Ziele oft unerreichbar scheinen,
trotzdem auf den Weg machen und diesen Weg mit Leidenschaft
begehen. Schließlich ist der Weg doch immer noch
das Ziel und die Träume sind das, was uns im Leben
antreibt.
Es ist toll, auf Menschen zu treffen, die mit ihrer Leidenschaft
dann auch andere anstecken und begeistern, insbesondere
wenn die Begeisterung dann Kinder und Jugendliche erreicht.
Klasse, macht weiter so!"
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