Fleygur: "Herr Stamm, Sie sind auf einem Hof mit Kaltblutpferde-Zucht aufgewachsen und haben bereits mit 7 Jahren angefangen diese zu reiten. Wie kamen Sie vom Kaltblüter zum Islandpferd und wie entstand der Schönauer Hof?"
Theo Stamm: "Meine Pferdeliebe hat mich von Kindheit an begleitet und geprägt. Der erste Kontakt mit Max, dem Kaltblüter, zeigte mir, dass es auf den Charakter ankommt. Als dann nach vielen Jahren die Entscheidung zu treffen war, welche Pferderasse zu mir passt, kam ich immer wieder auf die Islandpferde zurück. Anfangs hatte ich nur Pferde für meine eigene Familie angeschafft, dann wurden es rasch 20 Stück. Mein "Ausstieg" aus dem "Stressjob" meines früheren Lebens sollte dann in ein Leben einfließen, das durch Pferde geprägt sein würde. So entstand der Schönauer Hof."
Fleygur: "Sie sind einer der wenigen Islandpferdehöfe, die das Bio-Siegel tragen dürfen, also den Hof nach den Kriterien des ökologischen Landbaus bewirtschaften und nach EU-Richtlinien als Biohof zertifiziert sind. Welche Vorteile sehen Sie speziell in der Pferdehaltung und Zucht gegenüber "normaler Bewirtschaftung" bzw. wie profitieren die Pferde davon?"
Theo Stamm: "Um das Bio-Siegel tragen zu dürfen, muss man erhebliche Kriterien erfüllen, die der Umwelt und der Gesundheit von Tier und Mensch dienen. Insbesondere Verzicht auf Pestizide und chemische Düngemittel bzw. Nitrate. Wir erreichen dadurch eine um bis zu 10x höhere Kräutervielfalt im Futter, benötigen jedoch auch deutlich mehr Fläche. So können wir unseren Pferden bestmögliche Futterversorgung bieten und der Umwelt den nötigen Respekt zollen."
Fleygur:
"Einer Ihrer Schwerpunkte sind die Wanderritte.
Sie bieten über 30 verschiedene geführte
Ritte - vom Kurztagesritt bis zum mehrtägigen
Wanderritt - an. Pro Jahr führen Sie etwa 100
Ritte, und legen dabei gut 5000 km zurück.
Was ist Ihnen besonders wichtig, damit ein Wanderritt zum gelungenen Event für die Teilnehmer wird?" Theo Stamm: "Hier sind vor allem die perfekte Planung sowie eine gute Pferdeausbildung Grundvoraussetzung. Alle Rittstrecken werden regelmäßig - vor langen Ritten - nochmals kontrolliert, damit unliebsame Überraschungen vermieden werden. Dann ist die Gruppenzusammensetzung der Gäste wichtig. Neue Gäste möchten wir zuvor bei einer Reitstunde auf den Wanderritt auf Isis vorbereiten. Nicht zuletzt muss unterwegs eine optimale "Versorgung" stattfinden. (Hilfe beim Nachgurten, beim Anbinden zur Pause, viele Reitpausen und "sanitäre" Stopps etc.) Dann kann der Gast den Ritt als Event genießen."
Fleygur: "Was macht die Eifel so besonders reizvoll für Wanderritte?"
Theo Stamm:
"Besonders
die Nordeifel bietet Landschaftsbilder von besonderer
Schönheit. Auch die Sehenswürdigkeiten,
die Wegeführung und das Klima passen perfekt
zu unserer Idee. Als Naherholungsgebiet für Gäste
aus Köln, Düsseldorf, dem Ruhrgebiet oder
Niederrhein ist die geographische Lage sehr interessant.
Gleichzeitig ist die Ortsnähe zur Kurstadt Bad
Münstereifel für den Aufenthalt der Gäste
vor oder nach den Wanderritten oder bei Urlaubsaufenthalt
auf dem Hof sehr attraktiv."
Fleygur:
"Welche
Voraussetzungen müssen Pferd und Reiter erfüllen,
damit ein mehrtägiger Wanderritt sie nicht überfordert?"
Theo Stamm: "Sie sollten gut konditioniert sein, etwas Reiterfahrung mitbringen und mindestens ein oder zwei Kurz-Wanderritte bei uns mitgemacht haben. Weiter ist gute Grundlaune und ein bisschen "soziale Kompetenz" wichtig, damit die Gruppe immer positiv gestimmt ist." Fleygur: "Was war Ihr schlimmstes und was Ihr schönstes Erlebnis auf einem Wanderritt?"
Theo
Stamm: "Zum Glück gibt es vor
allem schöne Erlebnisse, und zwar sehr sehr viele.
Aber auch negative Erfahrungen sind nach so vielen
Jahren in Erinnerung geblieben. Z. B. ein Gast, die
sich derart zuviel zugetraut hat, dass sie bei der
ersten Galoppstrecke um Hilfe schrie, und sich herausstellte,
dass sie nie zuvor im Gelände galoppiert war.
Wir mussten ca. 2 Stunden im Schritt weiter reiten
und sie abholen lassen. Oder ein PKW-Fahrer, der trotz
vorschriftsmäßiger Straßensicherung
in die Gruppe fuhr. Dank der nervenstarken Pferde
passierte nichts, außer einem riesen Schreck
und viel Zorn in allen Gesichtern, der sich aber bei
der ersten Töltstrecke wieder legte. Aber eines
der schönsten Erlebnisse war die spontane Einladung
einer türkischen Familie, die in einer Waldhütte
eine Familienfeier abhielt. Sie luden uns spontan
zum Essen und Trinken ein und wir wurden sehr freundlich
aufgenommen, sogar ein kleines "Tänzchen" war
dabei. Darüber sprachen wir noch sehr lange bei
den Stunden des "Rittgeplauders" nach der Heimkehr
beim Essen."
Fleygur:
"Die Pferde, die Sie auf Ihren Wanderritten einsetzen,
werden nach der Signalreitweise geritten, diese bildet
auch die Grundlage in Ihrer Reitschule und bei der
Ausbildung Ihrer Jung- und Verkaufspferde. Was
sind denn die Hauptunterschiede zur "nomalen" Reitweise
und welche Vorteile bringt die Signalreitweise?"
Theo Stamm: "Mit der von mir entwickelten "sanften" Reitweise, die alle Druckelemente und extrem treibenden Hilfen bei den kurzen Islandpferden (zu häufig im Bereich der Lendenwirbel mit zu langen Sätteln und zu viel Druck) weglässt, bekommen wir sanfte und "Lammfromme" Pferde, die mit "zwei Fingern" reitbar sind. Ob es die Biegungen sind, die ganze Parade, die wir nicht treibend ausführen oder alle anderen Hilfen. Dabei stütze ich mich besonders auf die Erkenntnisse aus der Physiotherapie. Es ist so schön zu erleben, wie hier Korrekturpferde, die als "heiß" und "schwierig" gelten, in wenigen Wochen brav und willig den Reiterhilfen folgen und sich sanft reiten lassen. Der Respekt vor der Kreatur verlangt nach meiner Meinung nach einer "vorsichtigen" Behandlung vor allem des sensiblen Pferdemaules. Über die Signalreitweise schreibe ich an einem Buch, welches ab Jahresende als E-Book im Internet zu haben sein wird. Gleichzeitig erscheint der ca. 90 Minuten-Film über die Zucht, Aufzucht, Ausbildung, das Signalreiten und die Wanderritte hier auf dem Hof." Fleygur:
"Sie vermieten Ihre Pferde auch stunden- oder tageweise. Da setzten Sie sehr viel Vertrauen nicht nur in die Reiter sondern auch in Ihre Pferde. Wonach wählen Sie die Verleihpferde aus?" Theo Stamm: "Das ist ein heikles Thema. Wir verleihen ausschließlich an hier gut bekannte "Stammkunden" Pferde. Sie müssen ausdrücklich guten Umgang mit den Pferden zeigen und sich an alle unsere Vorgaben halten. Die Pferde werden passend zu den Reitfähigkeiten der Reiter ausgesucht, wie wir dies auch bei den Wanderritten tun."
Fleygur:
"Sie verkaufen ja viele Pferde und geben jedem
Pferd beim Verkauf ein "Mitspracherecht".
Wie meinen Sie das, die Pferde sollen sich die Reiter
aussuchen?"
Theo Stamm: "Im Round-Pen lernen die Kaufinteressenten das "Join up" kennen, dabei spüren wir gemeinsam, ob ein Pferd den Kontakt erwidert oder eher diesen nicht mag. Beim "freien Folgen" und beim Ausstreichen sowie bei der Kontaktaufnahme zeigt sich schnell, ob es eine Sympathieebene gibt, die sozusagen vom Pferd erwidert wird. Ist dies nicht der Fall, rate ich vom Kauf ab. Nur so kann ich sicherstellen, dass später das Reiter - Pferd Verhältnis auch wirklich perfekt wird."
Fleygur:
"Zum Abschluss noch unsere Standardfrage: Wenn
Sie sich eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene
aussuchen könnten, mit wem würden Sie gerne
mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres
Gespräch führen und zu welchem Thema?"
Theo
Stamm:
"Gerne mit Monty
Roberts, er hat mich stark inspiriert. Über das
Thema "wie fühlst und spürst du, mit welchem
Typ Pferd du es zu tun hast" wurde ich gerne mit ihm
meine Erfahrungen austauschen und noch mehr von ihm
wissen wollen."
Fleygur:
"Die vielen
schönen Bilder von den Wanderritten auf Ihrer
Webseite machen richtig Lust, mal einen mehrtägigen
Ritt bei Ihnen mitzumachen. Wenn wir es irgendwie
einrichten können, werden wir das im nächsten
Frühjahr auch tun!
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Buch
und bedanken uns für
das Interview."
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