Fleygur: "Kerstin und Mattes, woher kennt Ihr Euch und seit wann gibt es den Islandpferdehof Niederrhein?"
Kerstin: "Kennengelernt haben wir uns auf einem Konzert der "Kellerkinder". Mattes spielte in der Band Gitarre und meine Schwester war mit dem Sänger zusammen, übrigens heute verheiratet. Aber Reiten führte uns zusammen! Richtig verliebt und kennengelernt haben wir uns an einem romantischen Strandritt in Holland (Zeeland) am Meer, im August 1995."
Mattes: "Kurz danach nahm
Sie mich mit auf den Hinkelsberghof ins Saarland.
Dort bin ich auch zum ersten Mal einen Isländer
geritten. Kerstin war zu der Zeit noch in der Ausbildung
zur Pferdewirtin auf dem Wiesenhof in Moers. Nachdem
wir damals die erste Urlaubsvertretung für Karen
und Konrad auf dem Hinkelsberghof machten, war uns
eigentlich klar, dass wir auch mal so was machen werden.
Bis dahin ging aber noch viel Zeit ins Land und Kerstin
studierte erstmal Agrarwissenschaften in Bonn und
ich machte dann mein Hobby zum Beruf und arbeitete
auf Islandpferdehöfen.
Den Islandpferdehof - Niederrhein betreiben wir jetzt
seit Mai 2004. Wir haben intensiv nach einem Hof gesucht,
der direkt an einem herrlichen Ausreitgebiet liegt.
Hier am Vluyner Busch sind unsere Erwartungen jedoch
noch mal stark übertroffen worden. Dafür
mussten und müssen wir aber aus dem über
hundert Jahre alten Bauernhof einen artgerechten Pferdestall
bauen. Hierbei halfen uns auch Kerstin´s Berufserfahrungen
und die vielen Stallbauseminare, die sie im Studium
besuchte. Außerdem wollen es auch die Reiter
gern gemütlich haben. Ich bin halt gerne Handwerker.
Nach und nach wird alles fertig. Jetzt im November
zum Beispiel sind wir schon manchmal froh, endlich
eine Reithalle zu haben, aber ohne geht es auch. Reiten
ist draußen!"
Fleygur:
"Kerstin Du bist Dipl.-Ing.
Agrar Pferdewirtin und hast Dich schon im Studium
schwerpunktmäßig mit dem Thema "Pferdefütterung"
beschäftigt. Heute bietest Du Pferdehaltern auch
Futterfachberatung an. Was sind typische Fragen, mit
denen Islandpferdebesitzer sich an Dich wenden und
wie kannst Du ihnen dann helfen?"
Kerstin: "Die meisten Pferdebesitzer
bitten mich um Rat beim Thema "Kraftfutter".
Bei vielen Islandpferden, die wenig geritten werden,
braucht man nicht unbedingt Kraftfutter. Viel wichtiger
ist ausreichende Versorgung mit Mineralien und Vitaminen.
Da sind es oft nur 200-300 Gramm am Tag und alles
ist drin. Viele Pferdebesitzer sehen dann oft eine
zu kleine Portion. Beim Beantworten der Fragen und
Erläutern des Futterplans, merke ich oft, dass
das Basiswissen zur Verdauung des Pferdes fehlt. Alle
Pferdebesitzer wollen nur das Beste für ihr Pferd.
Leider werden dabei ihre menschlichen Bedürfnisse
auf die Pferde übertragen. Ein kleines Beispiel:
Nach einem langen schönen Ausritt kehren Reiter
und Pferd zum Stall zurück. Der Reiter hat großen
Hunger und will nach Hause. Schnell wird das Pferd
nachversorgt und bekommt dabei natürlich eine
große Portion Kraftfutter! Alle meinen es gut,
aber sie helfen ihrem Pferd nicht immer. Wir versuchen,
dass auch unsere jüngsten Reitschüler wissen,
dass ein Pferd sein Kraftfutter "in Ruhe" fressen
soll, dass heißt mindestens ein bis zwei Stunden
vor und nach dem Reiten.
Mein Tipp: Basiswissen zur Pferdeverdauung aneignen. Es gibt gute Bücher." Fleygur: "Stichwort "Zucht". Mattes Du hast auf mehreren Gestüten reichlich Erfahrung sammeln können. Züchten ist ja eine "Wissenschaft für sich" und wirklich in das Thema einzusteigen, würde den Rahmen unser Interviews sprengen. Wenn Du uns aber vielleicht an einer persönlichen Erkenntnis, die Dich als Züchter heute stark beeinflusst, ein Stück weit an Deinem Erfahrungsschatz teilhaben lassen kannst, welche wäre diese?"
Mattes: "Soviel
Erfahrung konnte ich als Züchter bisher auch
wieder nicht sammeln. Auf dem Hinkelsberghof sah ich
10 Jahrgänge groß werden, bevor die ersten
eigenen Zuchtergebnisse im Mai 2006 hier am Niederrhein
auf die Welt kamen. Wichtig und immer richtig ist
aber auch, dass man sich natürlich auch mit dem
wissenschaftlichen Teil der Zucht beschäftigt.
Viele Abende habe ich mit vielen Texten und Grafiken
der Vererbungslehre verbracht und gekämpft. Da
ist es natürlich super, mit Kerstin eine Frau
zu haben, die fast alles über die Regeln und
Gesetzte der Vererbung weiß und auch erklären
kann. Sehr viel gelernt habe ich auch in der Zeit
als ich auf dem Grenzlandhof bei Claus Becker, der
Jahre lang Bundeszuchtwart beim IPZV war, gewohnt
und gearbeitet habe. Mir ist dort direkt aufgefallen,
dass er sehr auf Charakter und Leichtrittigkeit bei
seiner Zucht achtete. Bei vielen schönen Erzählungen
von seinem 6000 Meilen Ritt durch Amerika merkte ich,
dass ich nicht der Einzige bin, der noch Pferde einfach
zum Reiten von A nach B züchten will. Also zum
Ursprung der Reiterei. Dort ist mir auch die Erkenntnis,
dass viele Pferde am Markt und damit am Reiter vorbei
gezüchtet werden, gekommen.
Wir versuchen nun den charakterstarken, ausdauernden,
leichtrittigen Isländer der auch noch gut aussieht
und locker töltet, zu züchten. Natürlich
machen die auch auf dem Reitplatz oder einem Turnier
eine gute Figur. Uns kommt es nicht unbedingt auf
ein hochweites Gangwerk an, was Pferd und Reiter nur
beim Sportreiten weiterhilft und natürlich auch
gut aussieht und Spaß macht. Beim Wanderreiten
wirkt es sich eher negativ aus. Deswegen halte ich
auch die Beurteilungen von Jungpferden beim IPZV für
wenig aussagekräftig, da dort oft die Pferde
aus den Augen eines Turnierrichters oder Reiters für
Sportreiten beobachtet und beurteilt werden. Außerdem
werden hier Zwei und Dreijährige beschlagen vorgestellt.
Aus meiner Erfahrung kann ich nur jedem empfehlen:
die Stute ist wichtiger als der Hengst. Vor der Zucht
Vater und Mutter auf der Wiese und im Stall lange
beobachten und am besten beide selber reiten."
Fleygur: "Du bist ja auch im Besitz des Goldenen Tölters (IPZV). Erkläre doch bitte kurz unseren Lesern, die sich nicht ganz so gut mit den verschiedenen Leistungsabzeichen auskennen, was man dafür leisten muss."
Mattes: "Für den bronzenen und den silbernen Tölter muss man 28 Unterrichtseinheiten bei einem IPZV Amateurtrainer A, B oder C erteilt bekommen. Beim bronzenen Tölter wird der Tölt bei der Abschlussprüfung im beliebigen Tempo geritten. Beim silbernen Tölter wird nach IPO 1,5 geprüft. Beim goldenen Tölter muss man 42 Unterrichtseinheiten bei einem IPZV Amateurtrainer B oder A erhalten und ausführliche Kenntnisse der Reitlehre, Verhalten im Gelände, Haltung, Pflege und Fütterung bei einer schriftlichen Prüfung nachweisen. Bei der praktischen Prüfung vor zwei IPZV API Prüfern reitet man einfach eine Töltprüfung nach IPO 1,3 und eine nach IPO 1,1 mit Pferdetausch.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass in solchen
Kursen viel Auswendiglernerei bei Theorie und Praxis
stattfindet. Auch Kerstin, die glaube ich alle Abzeichen
die es gibt, auch Spring und Fahrabzeichen, hat, sagt,
dass es bei den verschiedenen Verbänden fast
überall so aussieht.
Mein Tipp: Kursgebühr in mehr Reitstunden investieren,
viel lesen und sich dann auf einem kleinen Turnier
in der jeweiligen Prüfung anmelden. Da hat man
dann hoffentlich gute Noten, aber nachher nicht so
eine schöne Urkunde und einen glänzenden
Kragenverzierer!"
Fleygur:
"Dann hast Du Dich ja ausführlich mit dem Thema "Tölt" beschäftigt und bist auch bei Euch auf dem Hof der Spezialist dafür. Auch in der Islandpferdeszene wird ja einer systematischen Ausbildung der Pferde immer mehr Bedeutung zugemessen. Hierbei wird auch immer öfter nach besseren Methoden und neuen Inspirationen gesucht, es wird auch gern mal über den Tellerrand geschaut. Gibt es Einflüsse oder Prinzipien die Deiner Ausbildungsweise zugrunde liegen und wie wirken diese sich insbesondere auf den Tölt aus?"
Mattes: "Eigentlich nicht. Aber
man sollte immer über den Tellerrand schauen.
Viele Sachen sind schon alt, aber deshalb ja nicht
falsch. Die Ausbildungsskala der FN zum Beispiel.
Bei der gibt es drei Phasen mit den sechs Etappen:
Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten
und Versammlung. Ist in vielen Teilen schon sehr gut.
Auch andere Verbände haben immer wieder neue
gute Ideen. Letztendlich geht es immer um die Durchlässigkeit.
Mein Prinzip ist es, auf die Pferde individuell einzugehen
und einfach zu versuchen über Spaß mit
dem Pferd Vertrauen, Schubkraft und Tragkraft zu entwickeln.
Irgendwann werden sie alle durchlässig. Es darf
aber nie einen Zeitplan geben. Beim Ausbilden der
Islandpferde kann es auch keine Einheitsregel geben,
denn jedes Pferd ist etwas anders. Denken wir nur
an den Unterschied zwischen Vier- und Fünfgängern.
Eine einheitliche Ausbildungsrichtlinie für den
Tölt zu formulieren kann nicht klappen. Trotzdem
versuchen es immer wieder Neuerfinder und Funktionäre
der Verbände. Mir hilft es immer sehr, dass ich
mich mit der Biomechanik bei Gangpferden beschäftige.
Für mich ist der Tölt einfach immer wieder
faszinierend. Wenn man weiß, wie ein Pferd eigentlich
genau läuft, hat man mehr Spaß beim gemeinsamen
Weiterbilden mit seinem Pferd und leider vielen anderen
Pferdebesitzern schon etwas voraus."
Fleygur: "Was ist Euch in der Ausbildung Eurer Jungpferde noch besonders wichtig? Wie geht Ihr vor allem beim Eintölten vor?"
Kerstin:
"Zeit. Wir lassen unseren Jungpferden
Zeit zu lernen! Immer beginne ich mit Bodenarbeit.
Geduldig, aber konsequent führen wir die Jungpferde
an das Reiten heran. Wir arbeiten ohne Zwang. Erst
wenn das Pferd die Reithilfen versteht, beginnen wir
mit dem Takt."
Mattes: "Beim Eintölten
verlasse ich mich zum großen Teil auf meinen
Hintern und auf mein Taktgefühl. Jedes Pferd
ist anders. Da wir meist nur zwei Pferde gleichzeitig
ausbilden, können wir für jedes Pferd den
richtigen Weg suchen. Also eine feste Vorgehensweise
haben wir nicht. Wichtig ist es, mit dem Pferd immer
kleine aber erreichbare Ziele zu durchqueren. Sicher
gibt es beim Eintölten mancher Viergänger
auch immer wieder Szenen, bei denen man sich lieber
nicht filmen lassen will. Hier sollte sich keiner,
der Pferde ausbildet, etwas vormachen. Wichtig ist
bei jungen Pferden eine schnell wieder nachgebende
Hand und ein lockerer Sitz. Genauso wichtig ist es,
beim Pferd einen unaufgeregten Eindruck zu hinterlassen.
Und das geht nur, wenn man unaufgeregt ist. Deshalb
sag ich auch oft zu meinen Reitschülern: Tölten
tut man mit dem Arsch!"
Fleygur: "Ihr verkauft nur Pferde, die bei Euch auf dem Hof ausgebildet wurden. Warum seid Ihr diesbezüglich so konsequent?"
Mattes: "Wir wollen langfristig Pferde auch verkaufen. So kennen wir die Pferde sehr genau und können viel Auskunft geben. Die meisten Pferde, die wir bis jetzt ausgebildet haben, kennen wir schon von klein an und reden auch lange nach dem Verkauf noch regelmäßig mit den Käufern. Sicher ist ein Verkauf immer auch mit Traurigkeit verbunden, bei Kerstin besonders."
Kerstin: "Aber schnell kommt
wieder die Freude über das Glück, so einen
schönen Beruf zu haben."
Fleygur: "Zu Eurem Ferienangebot. Kinder und Jugendliche können bei Euch auch Ihre Ferien verbringen. Was erwartet Eure Gäste bei Ihrem Besuch?"
Kerstin: "Bei uns können
die Kinder und Jugendliche schöne Ferientage
mit unseren liebevoll ausgebildeten Islandpferden
verbringen. Sie erwartet viel Spiel und Spaß
bei Theorie zum Pferd und natürlich beim Reiten.
In kleinen Gruppen lernen die Kinder und Jugendlichen
spielerisch den richtigen Umgang mit Islandpferden
und harmonisches, feines Reiten. Für leckeres
Essen sorgen unsere Mütter Almut und Christel!
Die Kinder lieben es. Super finden Kinder und Jugendliche
auch unsere Heuböden- und Abenteuerwochenenden,
bei denen Sie praktisch über den Pferden schlafen
und mit ihnen durch den Wald wandern. Ich freue mich
jetzt schon wieder auf die Osterferien!"
Fleygur: "Zum Abschluss noch unsere Standardfrage: Wenn Ihr Euch eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene aussuchen könntet, mit wem würdet Ihr gerne mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres Gespräch führen und zu welchem Thema?" Kerstin: "Ich würde gerne mal wieder einen langen Ausritt mit Dr. Agr. Adriane Mack machen. Sie ist eine Freundin aus dem Studium und mittlerweile eine ausgezeichnete Expertin in Sachen Pferdeanatomie. Mit ihr würde ich sehr wahrscheinlich die ganze Zeit einfach ganz entspannt über irgendwelche Pferdemuskeln reden."
Mattes: "Mit Ursula Bruns einen
Strandausritt machen und ihr bei den Geschichten von
den ersten großen Schiffstransporten von Island
nach Hamburg zuzuhören."
Fleygur: "Danke
für das Interview und auch die hilfreichen Tipps. Alles Gute, viel Erfolg
weiterhin und schon jetzt eine schöne Vorweihnachtszeit."
|