Fleygur: Karen, auf dem Hinkelsberghof kann man nicht nur Reiten auf Islandpferden lernen, sondern auch Yoga, Kung Fu und Meditation. Im Reitunterricht arbeitest Du auch mit Elementen aus der Energiearbeit. Kannst Du näher erklären, inwiefern diese Herangehensweise das Reitenlernen bereichert?
Karen: Heute gibt es immer mehr Menschen, die sich viel zu wenig bewegen und kein Körpergefühl mehr haben. Langes Sitzen am Schreibtisch und einseitige Bewegungen lassen Muskeln verkümmern oder verspannen. Verspannte Muskeln des Reiters, die nicht locker die Bewegungen des Pferdes mitmachen können, führen zu Verspannungen beim Pferd. Im Yoga etc. üben wir eine tiefe Bauchatmung, die bewirkt dass der Schwerpunkt des Reiters nach unten verlagert wird (Reiten aus der Körpermitte). Der moderne kopflastige Mensch wird sich wieder seines gesamten Körpers bewusst und lernt aktiv Muskeln und Geist zu entspannen, aber auch gezielt Muskeln anzuspannen (ohne Verspannung). Nur wenn wir unseren Körper wirklich kennen und fühlen, können wir gezielt und feinfühlig einwirken. Gerade im Yoga werden die Muskeln immer wieder gedehnt und kontrahiert. Und nur Muskeln, die sich entspannt dehnen lassen, können sich auch schnell gezielt anspannen und dem Pferd entsprechend punktgenaue Hilfen geben.
Fleygur: Wie bist Du denn eigentlich zu diesen fernöstlichen Techniken gekommen und inwieweit prägen sie Dich und Dein Leben heute?
Karen: Wir sind eigentlich mehr zufällig darauf gestoßen, durch einen Freund meiner Tochter. Und irgendwie bin ich daran hängen geblieben. Gerade das Yoga ist für mich eine hervorragende Ausgleichssportart.
Fleygur: Du sagst, Du zeigst beim Reiten z.B. auch Möglichkeiten der Gedankenübertragung zwischen Reiter und Pferd auf. Das finde ich sehr spannend. Wie kann man sich das vorstellen?
Karen: Pferde sind sehr
empfindsame Wesen und können den Menschen innerhalb
von Sekunden abchecken, wie seine geistige bzw. seelische
Verfassung ist. Entsprechend reagiert es dann darauf.
Oft machen sich die Reiter das gar nicht bewusst und
ärgern sich, dass das Pferd schon wieder so bockig
ist oder ähnliches. Dabei spiegelt es nur unsere
Innenansicht wider. Auch wenn man denkt: „Hoffentlich
macht er an der und der Stelle nicht wieder Blödsinn“
und es passiert gerade das, ist es eine Art Gedankenübertragung.
Doch wenn es im negativen klappt, kann man das natürlich
auch bewusst aufs positive übertragen. Dazu muss
man sich natürlich erst mal seiner eigenen Stimmung
bewusst werden. Wenn man gelernt hat, sich innerlich
zur Ruhe zu bringen, kann man seine heutigen Tagesziele
bewusst machen und darauf konzentrieren. Man kann
sich ein Bild von dem machen, wie man heute gerne
reiten möchte, wie es sich anfühlen soll
etc. Das heißt natürlich nicht, dass der
Reiter sich dann zurücklehnen kann und nur noch
daran denken muss. Reiten, also körperlicher
Einsatz, gehört immer dazu, kann aber durch die
richtige Konzentration stark minimiert werden. Wichtig
ist den Kopf erst mal frei zu bekommen, was vielen
heutzutage leider sehr schwer fällt.
Fleygur: Deine Schulpferde sind alle aus eigener Zucht und wurden von Dir liebevoll und sorgfältig ausgebildet. Manche haben einen sehr hohen Ausbildungsstand und können z.B. sogar Seitwärtsgänge im Galopp. Warum ist es Dir so wichtig, nur selbst aufgezogene und ausgebildete Pferde im Unterricht einzusetzten?
Karen: Leider ist es auf vielen konventionellen Reiterhöfen ja immer noch so, dass die Pferde ein Boxendasein fristen und nur für die Reiterstunden rauskommen (und entsprechend gelaunt sind). Da sind die Islandpferdehöfe doch ziemliche Vorreiter, was die Pferdehaltung betrifft. Wir möchten damit gerade die Reiter ansprechen, die bisher nur oben genannte Reiterhöfe kannten. Unsere Pferde leben im Offenstall und haben viele Sozialkontakte. Sie wachsen in der Herde auf und werden von den anderen Pferden erzogen. Wir kennen unsere Pferde also von Kindesbeinen an und wissen, was sie erlebt haben und wie sie charakterlich sind. So können wir genau einschätzen, wie ein Pferd in einer gewissen Situation reagiert und was für ein Reiter-Pferde-Paar am besten zusammen passt.
Fleygur: Wir wollen immer gut gymnastizierte Pferde haben, aber nicht jeder Reiter findet es wichtig, über das Reiten hinaus selbst Gymnastik zu betreiben. Besuchen viele Deiner Reitschüler eigentlich auch Deine Yogakurse? Ich persönlich finde, mehr Höfe sollten solche ergänzenden Kurse anbieten, denn ich glaube, die Bedeutung der eigenen Beweglichkeit, Koordination und Balance wird von vielen Reitern doch immer noch unterschätzt, oder?
Karen: Ja, es ist manchmal schon erschreckend, wie wenig Körpergefühl viele Menschen haben. Gerade die Erwachsenen, die den ganzen Tag im Büro arbeiten oder sonstige eher einseitige Tätigkeiten verrichten, haben deutliche Mängel in Beweglichkeit und Körpergefühl. Doch auch eine wachsende Zahl an Kindern haben Probleme mit dem Gleichgewicht und mangelndes Körperbewusstsein. Daher empfehlen wir jedem wenigstens eine Probestunde Yoga zu machen. Viele sind danach absolut begeistert und kommen regelmäßig. Dennoch gibt es genug Reiter die Zeitmangel vorschützen und sonst, abgesehen vom Reiten, keinen Sport betreiben. Sie sagen dann, dass Reiten ihr Sport ist, verstehen aber nicht, dass Reiten eine Teamsportart ist bestehend aus Reiter und Pferd. Wenn einer im Team ziemlich unbeweglich ist, kann sein Partner nie seine beste Leistung bringen.
Fleygur: Gibt es auch etwas, was Dir bei Reitern oder auch Reitlehrern immer wieder auffällt und wo Du Dir für die Zukunft mehr Veränderung wünschen würdest?
Karen: Es gibt natürlich immer etwas, an dem einen oder anderen zu kritisieren. Verallgemeinern möchte ich das jetzt nicht. Man sollte immer offen bleiben für Neues und auch andere Sichtweisen akzeptieren, sei es als Reiter oder Reitlehrer. Ich versuche immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Und man sollte niemals glauben, dass man alles kann und weiß. Jedes neue Pferd ist ein neuer Lehrmeister.
Fleygur: Bei Euch kann
man auch Urlaub machen. Ihr bietet Reiterferien für
Kinder und für die ganze Familie an. Was unterscheidet
Euer Angebot auch in dieser Hinsicht von anderen “Reiterhöfen”?
Karen: Die Kombination aus Yoga oder KungFu und Reitunterricht ist vielleicht noch nicht ganz so verbreitet. Aber ich kann sie nur wärmstens empfehlen. Das kann man dann ganz individuell gestalten, je nach Wunsch des Gastes. Wir haben nur ein kleines Gästehaus und können entsprechend nur eine überschaubare Zahl an Gästen aufnehmen. So herrscht immer eine schön familiäre Stimmung. Und das gute, immer frisch zubereitete Essen meines Mannes tut ihr Übriges.
Fleygur: Abschließend noch unsere Standardfrage. Mit welcher Person aus dem Pferdebereich würdest Du gerne einmal bei einem längeren Ausritt ein Gespräch führen und wenn ja, zu welchem Thema?
Karen: Mit Bruno Podlech, was ja leider nicht mehr möglich ist. Und reden würde ich gar nicht so viel, sondern einfach ruhig ausreiten und mir einfach das ein oder andere abschauen…
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