| Fleygur: Lucia, uns interessiert an erster Stelle immer die Frage,
wie die jeweiligen Hofbetreiber eigentlich "auf Islandpferd"
gekommen sind. Kannst du uns kurz erzählen, welcher
Weg dich hier auf den Hof und zu deiner heutigen Arbeit
mit den Pferden geführt hat?
Lucia: Nun, mein erstes Islandpony habe ich, als ich
13 Jahre alt war, von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen.
Es war eigentlich Zufall, dass es ausgerechnet ein Isländer
war. Ich habe ihn damals bei Anne Trappe auf dem Gestüt
Brock eingestellt. Bei Anne auf dem Hof habe ich dann
auch ein erstes Schulpraktikum gemacht. Die Arbeit mit
den Pferden hat mir unglaublich viel Spaß gemacht,
so dass ich auch anschließend weiterhin dort gejobbt
habe. Gleichzeitig hatte ich aber auch immer die Idee,
dass ich später mal gerne mit Menschen arbeiten würde.
Nach einer pädagogischen Ausbildung habe ich dann
auch einige Zeit in Kindergruppen gearbeitet. Mein Traum
war, beides beruflich miteinander zu verbinden. In der
Schweiz habe ich bei Marianne Gäng (SGtR) die Ausbildung
für Heilpädagogisches Reiten gemacht und dort
1994 als diplomierte Reitpädagogin abgeschlossen.
Kurz danach bin mit meiner Familie hier auf den Hof gezogen
und habe habe mich selbständig gemacht.
Fleygur: Jetzt bist du ja auch Centered Riding®-
Instructor und wir durften gerade mal eine Schnupperstunde
bei dir in Centered Riding® nach Sally Swift ausprobieren.
Warum nutzt du gerade diese Unterrichtsmethode in deinem
Reitunterricht?
Lucia: Zum einen macht es mir und meinen Schülern
total viel Spaß. Beim Centered Riding® wird
viel mit Bildern gearbeitet. Um z.B die Haltung und Anspannung
der Hände zu erklären, bitte ich die Reitschüler,
sich vorzustellen, sie hielten einen Vogel in der Hand.
Diesen Vogel gilt es nicht zu zerdrücken, man muss
aber auch aufpasssen, dass er nicht wegfliegt. Vorstellungsbilder
zu verwenden, hilft die Grundlagen des klassischen Reitens
erklärbar zu machen. Mit verschiedenen Bildern finden
sich Lösungen für die feine Kommunikation mit
dem Pferd. Es geht darum, die Körperwahrnehmung des
Reiters zu schulen. Mit unterschiedlichen Übungen
zur Körperwahrnehmung und Bewegung auf dem Pferd
und/oder am Boden können wir völlig neue, oft
ungeahnte Bewegungsmöglichkeiten entdecken.
Fleygur: Ja, das stimmt. Mir war z.B. vorher auch nicht
bewußt, dass sich die Bewegung meines Körpers
im Schritt mit der Vorstellung man führe rückwärts
Fahrrad vergleichen läßt. Das ist faszinierend
und einfach zugleich. Für wen eignet sich den Centered
Riding® als Lernmethode?
Lucia: Centered Riding® eignet sich für jeden,
der seinen Erfahrungsschatz in punkto Reiten erweitern
möchte. Nicht nur für Kinder oder Anfänger
ist es einfacher, Bewegungsabläufe mit Hilfe von
Bildern leichter zu verstehen. Auch für Fortgeschrittene
kann es hilfreich sein, sich automatisierte Bewegungsabläufe
einmal bewußter zu machen. Wohl jeder fortgeschrittene
Reiter weiß z.B., wie eine halbe Parade funktioniert,
aber sind ihm die einzelnen Bewegungsabläufe auch
bewußt? Centered Riding® hat zum Ziel, durch
ein verbessertes Körpergefühl mit möglichst
wenig Kraftaufwand und in größtmöglicher
Harmonie mit dem Pferd zu reiten.
Fleygur: Dein Hof ist ja auch für behinderte Menschen
gut ausgestattet. Nicht nur die Teilnehmer am heilpädagogischen
Reiten, sondern auch Pensionisten, die eine körperliche
Behinderung haben, kommen mit deinem Hebelift gut und
sicher aufs Pferd. Warum hast du dich entschlossen neben
der Aufstiegsrampe diesen Lift anzuschaffen?
Lucia: Der Lift garantiert einfach ein stressfreies und
rückenschonendes Auf- und Absteigen für Reiter,
Pferd und Helfer. Auf- und Absteigen sind Anfang und Ende
jeder Reiteinheit, man sollte immer positiv starten und
positiv enden können.
Fleygur: Gibt es eine Art "schönstes Erlebnis"
in Deiner Arbeit mit den Menschen und Pferden hier auf
dem Hof?
Lucia: Ach, da gibt es sicherlich viele sehr schöne
Erlebnisse und Geschichten. Spontan fällt mir ein
geistig behinderter Erwachsener ein, der ein ganzes Jahr
lang mit seiner Gruppe zum heilpädagogischen Reiten
gekommen ist, sich aber nie aufs Pferd getraut hat. Ich
habe jede Woche mit ihm ein Pferd ausgesucht, fertig gemacht
und mit ihm gemeinsam an die Aufstiegsrampe geführt.
Dort ist er auch auf die Rampe gestiegen, aber im entscheidenen
Augenblick, kurz vor dem Aufsteigen, immer wieder umgekehrt.
Dann plötzlich, nach einem Jahr, kam der Moment,
wo er sich getraut hat und aufgestiegen ist. Das war klasse.
Fleygur: Danke Lucia, für das Gespräch und
natürlich die Reitstunde. |