Tölt
– eine unendliche Geschichte
Nicht nur an Islandpferdestammtischen ist
Tölt (neben Pferdekrankheiten und ihren Therapien)
das Hauptgesprächsthema, auch unser Reitunterricht
beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Thema Tölt.
Dies ist der Versuch einer Auflistung der wichtigsten Elemente,
die aus einem Reiter einen Töltreiter machen, wobei
zwischen Töltanfängern und fortgeschrittenen Töltreitern
ebenso unterschieden werden muss wie zwischen Viergängern,
Fünfgängern und Naturtöltern.
Töltreiten ist nichts für blutige Anfänger.
Gewisse reiterliche Mindestvoraussetzungen muss ein Reiter
erfüllen, bevor er überhaupt an Tölt denken
darf, als da sind:
be- und entlastende Gewichtshilfen
Schenkelhilfen
annehmend-nachgebende Zügelhilfen
Schritt, Trab, Galopp (Entlastungssitz
und Aussitzen)
Reiten ohne Bügel
Reiten mit Gerte
Im Grunde hat das noch herzlich wenig mit
reiterlichem Können zu tun. In dieser Phase machen
(seltene) Töltstunden nur Sinn, wenn absolut leichrittige
Naturtölter mit sicherem Takt zur Verfügung stehen.
Um Töltunterricht handelt es sich dabei eigentlich
noch nicht – aber solche Reitstunden sind ein willkommener
und begeisternder Vorgeschmack auf zukünftige Freuden!
Effektiver Töltunterricht setzt deutlich
höhere Anforderungen an den Reiter voraus:
halbe Paraden
ganze Paraden
korrekte Biegungen
Rückwärtsrichten
Schenkelweichen
Schulterherein
Nur wer diese Lektionen aus dem FF beherrscht,
wird in der Lage sein, dem Geheimnis des Töltreitens
auf (gut ausgebildeten) Vier- und Fünfgängern
nach und nach auf die Spur zu kommen.
Der klassische Unterricht für einen
Töltanfänger kann folgende Elemente in unterschiedlicher
Zusammensetzung enthalten:
1. Lösen
Aufwärmen ist als Vorbereitung für jede Arbeitsphase
wichtig, der Weg zu einem gelösten und aufmerksamen
Pferd variiert je nach Typ.
Schritt zum Aufwärmen.
Trab auf großen Biegungen
bei Fünfgängern und Naturtöltern; auch
für Viergänger mit viel Tölt geeignet.
Biegungen in Schritt und Trab
gegen Steifheit und Verspannungen. Aber: Stark trabveranlagte
Pferden vorwiegend im Schritt arbeiten.
Galopp bei verspannten und/oder
sehr gehfreudigen Vier- und Fünfgängern und
Naturtöltern.
2. Vorbereiten zum Tölt
Je unerfahrener der Reiter ist, desto
entscheidender ist diese Phase. Das Pferd versteht die
vielleicht noch unklaren Hilfen besser, wenn es gut darauf
vorbereitet ist.
Höhere Aufrichtung in
Schritt und Halt bei möglichst weicher Zügelführung
Verkürzter Schritt stellt
das Pferd zusammen
Ganze Paraden und Rückwärtsrichten
zum Setzen
Schenkelweichen bringt die
Hinterhand unter den Schwerpunkt
Schulterherein biegt das Pferd
3. Sitzvorbereitung:
Eine Überprüfung des korrekten Sitzes bzw. eine
Sitzkorrektur unmittelbar vor dem Antölten sind unerlässlicher
Teil der Vorbereitung.
geschlossener Sitz
Schwerpunkt leicht nach hinten
verschoben
Schenkel am Gurt oder knapp
dahinter (keinesfalls nach vorn gestreckt!)
Gerte an Hinterhan
4. Antölten:
Hier trennen sich die Wege endgültig. Der Töltanfänger
muss lernen, die zum Pferdetyp passende Hilfengebung anzuwenden.
Gerade darum ist in der Ausbildung von Töltreitern
der Einsatz von unterschiedlich veranlagten Töltern
erforderlich.
bei Viergängern:
aus verkürztem Schritt
bei guter Aufrichtung
treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
annehmend-nachgebende Zügelhilfe bei
etwas höherer Handhaltung
eher langsames Tempo
geradeaus
ev. Gerte an Hinterhand
ev. aus Rückwärtsrichten
bei Fünfgängern:
aus Biegung
treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
eher konstante Zügelführung
ruhiges bis mittleres Tempo
ev. aus Schenkelweichen
ev. aus Schulterherein
bei Naturtöltern:
treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
weiche Zügelführung
antölten und genießen
5. Hilfen im Tölt:
Für alle Pferdetypen ist ein korrekter
Vollsitz, der die Rückentätigkeit elastisch
unterstützt, die richtige Grundvoraussetzung. Das
Becken passt sich flexibel an die Auf-/Ab-/Seitwärtsbewegung
an. Eventuelle Sitzkorrekturen zwischendurch helfen gegen
reiterliche Verspannungen und fehlerhafte Einwirkung.
bei Viergängern:
treibende Gewichtshilfen
wechselseitig treibende Schenkelhilfen
ev. Gerte an Hinterhand
annehmend-nachgebende Zügelhilfen bei
etwas höherer Handhaltung
Aufrichtung erhalten durch halbe Paraden
bei Fünfgängern:
Gewichtshilfen belastend bis
passiv
gefühlvoll treibende Schenkelhilfen
konstante Zügelführung, normale
Handhaltung
bei Passtendenzen: kurzzeitig entlastende
Gewichtshilfe
nicht zu kurze Strecken
bei Naturtöltern:
weiter tölten und genießen!
Erst wenn ein Reiter in der Lage ist, mit
feinen Hilfen anzutölten und den klaren Viertakt über
längere Strecken zu halten, ist er reif für Tempounterschiede
und die Verbesserung von Haltung, Aktion und Raumgriff.
Dann wird er sich auch mit den Möglichkeiten der Beeinflussung
durch Ausrüstungsmaterialen (Glocken, Ballenboots,
Gewichtsbeschlag, …) beschäftigen müssen. Hat
er dieses Stadium erreicht, gehört er nicht nur zu
den fortgeschrittenen Reitern sondern – was ein riesiger
Unterschied ist – zu den fortgeschrittenen Töltreitern.
Auf dem Weg dahin sind viele Töltstunden
auf den unterschiedlichsten Pferden nötig. Bis das
faszinierende Geheimnis Tölt gründlich entschlüsselt
ist, gehen Jahre ins Land – und ein Rest an Mysterium bleibt!
Mehr zum Thema " Tölt " in:
"Ein Hobby mit Konsequenzen" von M. Heumann
Zur
Fleygur-Webseite und zum Buch von Margit Heumann gehts hier: